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Migration und Seelsorge

Heimat gewinnen

Zur Entstehung und Entwicklung italienischer muttersprachlicher Gemeinden
in der Diözese Rottenburg-Stuttgart


von Thomas Raiser

 

Teil 1: Der Übergang von den Missionen zu den muttersprachlichen Gemeinden

a) Der Übergang von der Mission zur muttersprachlichen Gemeinde ist so gut wie abgeschlossen

Im Bereich der Gemeindestruktur entwickelte die Diözese Rottenburg Stuttgart folgenden Weg zu einem neuen Miteinander: Gibt es in einer Seelsorgeeinheit eine relativ große Anzahl von Menschen gleicher nationaler Herkunft, so sollen diese eine rechtlich eigenständige "Gemeinde anderer Muttersprache" bilden. Dazu wählen sie ein Vertretungsgremium, den Pastoralrat, aus dem wiederum Vertreter in den gemeinsamen Ausschuss der Seelsorgeeinheit entsandt werden. Auch wenn dieser Weg vielfach kritisch gesehen wird: Er stellt doch sicher, dass die entsprechende Gruppe in aller Freiheit entscheiden darf, wie der Weg der Integration aussieht und wie sie ihre religiös-kulturelle Eigenart bewahren bzw. einbringen kann. Gleichzeitig ist angestrebt, dass Gemeinsamkeit über die verschiedenen nationalen Gruppen hinweg wächst.

Für die erste und zweite Einwanderergeneration fiel diese Umstellung nicht leicht. Die Jugendarbeit der Missionen bot den Jugendlichen einen geschützten Erlebnisraum, und den Eltern die Sicherheit, dass ihre Kinder entsprechend der von den Eltern geschätzten italienischen kulturellen und sozialen Werte betreut und gebildet werden. Auch der muttersprachliche Unterricht des Konsulats bot ein ähnliches "Biotop der italianità".

Mit der Absicht der Familien, länger oder auf Dauer in Deutschland zu bleiben, ist aber die Notwendigkeit gewachsen, sich sprachlich, kulturell und wirtschaftlich auf den neuen Lebensraum einzulassen.

Für die langjährigen MitarbeiterInnen der Missionen war der Umbau zu muttersprachlichen Gemeinden ein sehr schmerzlicher Prozess. Räumlich und finanziell waren die Missionen von der Diözese Rottenburg-Stuttgart hervorragend ausgestattet. Zwischenzeitlich haben die muttersprachlichen Gemeinden in teils mühsamen, teils großzügig gestalteten Prozessen ihren Ort in einer Seelsorgeeinheit gefunden.

Die Kooperation mit den anderen Kirchengemeinden der Seelsorgeeinheit gab es auch schon früher, doch nun bekam sie eine neue Struktur: Im "Gemeinsamen Ausschuss" sitzen die VertreterInnen der muttersprachlichen Gemeinden gleichberechtigt mit den VertreterInnen anderer Gemeinden an einem Tisch. Was im GA tatsächlich Wichtiges zu entscheiden ist, ist allerdings - nicht nur für die muttersprachlichen Gemeinden - noch ziemlich unklar; immerhin werden dort die Pastoral der Gemeinden abgestimmt und Perspektiven für die Seelsorge insgesamt entwickelt - zumindest wäre das möglich. In Waiblingen beispielsweise dient der Gemeinsame Ausschuss vor allem dem gegen seitigen Kennenlernen der Gemeinden  und dem pastoralen Austausch.

In ihrer Bedeutung relativiert werden die muttersprachlichen Gemeinden allerdings dadurch, dass sie nur noch über die Sachmittel bestimmen können (ca plusminus 4000 Euro pro Halbjahr); die Infrastrukturmittel (Mesner/in, Organist/in, Räume, Sekretär/in) verwaltet die sogenannte Belegenheitsgemeinde. Gespendete Sakramente werden vollgültig nur noch mit Nummer eingetragen in der Pfarrei , in der das Sakrament gespendet wird.

Diese Einschränkungen können aber auch als Vorteil gesehen werden, denn sie vermeiden beachtlichen Verwaltungsaufwand für die Muttersprachler.

b) Die Situation  im Jahr 2011

Der Prozess der Inkulturation bleibt aber nicht stehen. In manchen muttersprachlichen Gemeinden wurde viele Jahre Vorbereitung von Erstkommunion und Firmung mit großem Erfolg angeboten. Doch zunehmend gelingt es den Eltern nicht mehr, ihre Kinder und Jugendlichen für eine muttersprachliche Vorbereitung zu gewinnen. Ein Grund sind die Klassenkameraden, die in den Ortsgemeinden zu der Sakramentenvorbereitung gehen. Ein zweiter Grund sind die zunehmend schlechteren Sprachkenntnisse der Kinder und Jugendlichen in der Sprache des Herkunftslandes von Eltern oder Großeltern; hier haben sie Angst, sich vor den andern zu blamieren. Damit fällt die Sakramentenvorbereitung als Ansatzpunkt für Kinder- und Jugendarbeit zunehmend weg, was auch für den Gottesdienstbesuch eine nicht unwichtige Rolle spielt.

Eine weiterhin große Akzeptanz haben Taufen bzw. die Taufvorbereitung für eine Taufe in Italien sowie die Ehevorbereitung, die teilweise in den muttersprachlichen Gemeinden deutlich ausführlicher gestaltet wird als in den Kursen der Dekanate und Bildungswerke. Auch für Haussegnungen und bei Sterbefällen und Totengedenken wird die Gemeinde beansprucht. Gut angenommen sind kulturelle Angebote wie Folklore- und Tanzgruppe für Kinder, wie überhaupt Kindergruppen, die häufig die Feste des Kirchenjahres in der muttersprachlichen Gemeinde mitgestalten, außerdem Sozialberatung und Sprachkurse.

Sehr hilfreich sind die Teilnahme der pastoralen MitarbeiterInnen der muttersprachlichen Gemeinden am Pastoralteam der Seelsorgeeinheit; dadurch entsteht ein natürlicher Austausch. Auch die Nähe der Pfarrbüros von muttersprachlicher Gemeinde und Belegenheitsgemeinde hat sich bewährt und wäre zunehmend anzustreben, um Doppelungen und Missverständnisse zuvermeiden.

Im Sekretariat einer muttersprachlichen Gemeinde bezieht sich ein großerTeil der telefonischen Anfragen auf Taufe und Heirat sowie auf Taufbescheinigungen. Dabei zeigt sich, dass die jungen Erwachsenen bei solchen Anrufen sehr gerne vom Italienischen ins Deutsche wechseln, wenn sie merken, dass ihr Gegenüber deutsch spricht. Die italienische Mentalität ist ihnen im Raum der Familie noch ansatzmäßig geläufig, doch außerhalb der Familie sind sie stark von deutscher Schule und deutschem Berufsleben geprägt. Ausnahmen gibt es dort, wo ganze Familienverbände in der gleichen (Bau-)Firma arbeiten und dadurch auch beruflich nicht deutsch sprechen müssen.

c) Was man tun könnte

Die Diözese will das Recht auf muttersprachliche Seelsorge mit Hilfe muttersprachlicher Gemeinden sichern. Dabei soll es zu einem fruchtbaren Austausch zwischen den Pfarreien und den muttersprachlichen Gemeinden kommen. Dieser Aspekt könnte meiner Meinung nach noch mehr zum Tragen kommen. Allerdings ist für einen echten pastoralen Dialog die einzelne muttersprachliche Gemeinde überfordert; hier wäre die Diözese gefragt, das spritiuell-pastorale Erbe der Zuwanderer zu erheben und fruchtbar zumachen. Von deutscher Seite ist dafür nicht immer Interesse vorhanden, was die Verantwortlichen der muttersprachlichen Gemeinden bedauern.

Das Recht auf muttersprachliche Seelsorge bezieht sich auch auf theologische, pastorale und spirituelle Bildung. Es fehlen bisher BildungsreferentInnen, die selber aus dem KOntext der muttersprachlichen Gemeinden kommen, die sowohl muttersprachliche Bildung anbieten als auch integrative Projekte anbieten.

Wird die zunehmende soziale Integration der dritten Generation zu einer Schwächung vor allem der kleinen muttersprachlichen Gemeinden führen? Bisher lässt sich dies noch nicht feststellen, mittelfristig dürfte es aber dazu kommen. Kriterium für das Bestehen einer Gemeinde ist bisher, ob sie die notwendigen Strukturen für die Pastoral schaffen  kann, sich also Leute für einen Pastoralrat zur Verfügung stellen.

Einige Aspekte, die weiterführen könnten (sind teilweise schon bisher in den Richtlinien für die mutterspr. Gemeinden enthalten, aber nicht umgesetzt):

- Pastorale MitarbeiterInnen mit Fremdsprachenkenntnissen in den Pfarreien wären als Ansprechpartner stärker zu profilieren (hier im Dekanat Rems-Murr z.B. ein afrikan. Priester, ein deutschstämmiger Priester und eine frühere Pastoralreferentin einer ital. Gemeinde, alle drei dezentral im Dekanat verteilt).

- Die zunehmende Kooperation zwischen Ortsgemeinde und Muttersprachlern bzw. Zuwanderern in  einer SSE (Seelsorgeeinheit) soll in der Kooperationsvereinbarung verankern werden. Hier können Ziele und Wege benannt werden.

- Die Ortsgemeinden selbst sollen aktivere Partner in der Frage einer organisatorisch - spirituell - kulturellen Zusammenarbeit werden.

- Zusammenarbeit in den Integrationsprojekten der Kommunen (z.B. Seniorencafè) ermöglicht auch der Kirchengemeinde Kontakte zu Migranten.

- Das Thema der Beheimatung aller Einheimischen und Zugewanderten in einer Seelsorgeeinheit könnte gezielter in den Blick genommen werden. (Beispiel: Heimat - Jahr in der Kirchengemeinde St. Salvator Stuttgart-Giebel, Pater Konrad Werder)

- Die diözesanen Angebote (Wallfahrten, Bildung/Fortbildung usw.) für die Zukunft profilieren.

 

Teil 2: Von den muttersprachlichen Gemeinden zum Projekt Gemeinde

a) Modell muttersprachliche Gemeinden: ja, Evaluation bisher: Nein

Im Regionaltreffen der italienischen Seelsorger in Rottenburg  Anfang Februar 2014 stellte der Delegat (Leiter der it. Seelsorge in Deutschland, Belgien und Skandinavien), Padre Tobia Basannelli, die Frage, ob er das nun zehn Jahre bestehende Modell der muttersprachlichen Gemeinden auch anderen Diözesen zur Nachahmung empfehlen könnte. In der Diskussion wurde deutlich, dass es insgesamt eine Zufriedenheit mit dieser Form der muttersprachlichen Seelsorge gibt, dass allerdings bisher keine wirklich Evaluation dazu stattgefunden hat.

b) Veränderungen während derJahre 2006 - 2016

Die Prozess der Auflösung der sogenannten Missionen und der Gründung muttersprachlicher Gemeinden war in der Diözese aus meiner Sicht zunächst eine Verwaltungsreform. Eine entsprechende biblisch-theologisch-spirituelle Begleitung der Entwicklung war in dieser Phase eher spärlich. Das Konzept der muttersprachlichen Gemeinden wurde konsequent und flächendeckend umgesetzt, auch gegen viele Widerstände.

Viele Bedenken haben sich in der Praxis weitgehend aufgelöst (Abgabe der eigenen Finanzverwaltung an die Belegenheitsgemeinde, Raumbelegungsprobleme usw.) U.a. nahm der damalige italienische Generalkonsul in Stuttgart, Dr. Faiti Salvadori, positiv Stellung zu dem Projekt und mahnte insgesamt eine größere Offenheit seiner Landsleute gegenüber der deutschen Aufnahmegesellschaft an. Es kam vielfach zu einer Annäherung an die Pfarreien und an die anderen muttersprachlichen Gemeinden am Ort. Der Gemeinsame Ausschuss in den Seelsorgeeinheiten bot die Chance zu gegenseitigem Austausch und zum Kennenlernen.

Einer der wenigen kritischen Punkte, die auf eine Klärung warten, ist die Frage, ob die Mitglieder des Pastoralrats nur von Italienern aus der Seelsorgeeinheit gewählt werden sollen, in der die muttersprachliche Gemeinde ihren Sitz hat, oder auch von Leuten aus dem weiteren Einzugsgebiet. Hierzu gab es die Erwartung, dass die diözesane Kommission für die Wahlreform eine Lösung suchen und finden würde. (Aus der Sicht von 2019 lässt sich sagen, dass keine Lösung gefunden wurde, die den Bedürfnissen der muttersprachlichen Gemeinden entspricht.)

Die Frage der italienischen Prägung der Gemeinden hat sich relativiert durch die Vielzahl vor allem afrikanischer Priester, welche zunehmend die italienische Seelsorge tragen. Der Beschluss der italienischen Bischofskonferenz, die offizielle personelle Unterstützung durch Priester aus Italien zu beenden sowie die Streichung von staatlichen italienischen Mitteln im kulturellen Bereich (z.B. vieler Kulturinstitute)  hat ebenfalls zu einer veränderten Situation beigetragen.

c) Was noch zu tun bleibt

Einige Ziele, die in den Richtlinien der Diözese für die muttersprachlichen Gemeinden genannt sind, sind bis heute nicht oder unzureichend umgesetzt. Die vollständige Integration der muttersprachlichen Seelsorger in das Pastoralteam ist aus meiner Sicht in der Mehrzahl der Fälle nicht wirklich vollzogen. Eine Konzeption innnerhalb einer Seelsorgeeinheit, wie sie die Richtlinien fordern, ist die Ausnahme (z.B. Nürtingen). Entsprechend wird auch die gemeinsame Verantwortung für alle Migranten jedweder kultureller Herkunft nur ansatzweise wahrgenommen. Die Gründe dafür liegen dabei sowohl auf deutscher als auch auf muttersprachlicher Seite.

Fairerweise muss gesagt werden, dass es sowohl von muttersprachlicher Seite als auch von Seiten der deutschen Pfarreimitglieder immer wieder Vorbehalte gegenüber einer größeren Zusammenarbeit gibt. Die Angst vor Überfremdung gibt es auch bei vielen katholischen Christen.

Wird die zunehmende soziale Integration der dritten Generation zu einer Schwächung vor allem der kleinen muttersprachlichen Gemeinden führen? Bisher lässt sich dies noch nicht feststellen, mittelfristig dürfte es aber dazu kommen. Kriterium für das Bestehen einer Gemeinde ist bisher, ob sie die notwendigen Strukturen für die Pastoral schaffen  kann, sich also Leute für einen Pastoralrat zur Verfügung stellen.

d) Projekt Gemeinde

Die veränderte Situation der Kirche in Deutschland  hat dazu geführt, dass die Diözese Rottenburg-Stuttgart  sich unter dem Titel 'Projekt Gemeinde' auf die Suche nach einem pastoralen Konzept gemacht hat, das für die künftige Gemeindeseelsorge tragfähig sein könnte.

In Stuttgart hat sich dieser Prozess erstmals im 'Projekt Aufbrechen' konkretisiert:
Die gesamte Pfarreistruktur kommt auf den Prüfstand und wird neu geordnet, gleichzeitig werden seelsorgerlich Schwerpunkte benannt, die künftig mehr Beachtung finden sollen (Jugendkirche usw.) Auf halbem Weg wird bemerkt, dass die muttersprachlichen Gemeinden sinnvollerweise in den Prozess mit einbezogen werden sollten. Die Analyse der Stuttgarter Situation ergibt zudem, dass ca 40 % der Stuttgarter Katholiken einen Migrationshintergrund haben, dass also eine Seelsorge ohne die starke Einbeziehung der Katholiken mit ausländischen Wurzeln keinen Sinn macht.

Für die muttersprachlichen Gemeinden der ganzen Diözese hat das Projekt Gemeinde nun folgenden Fortgang: Die gesamte Leitungsebene  einer Seelsorgeeinheit hat 2015 und in zwei weiteren Jahren an einer verpflichtenden gemeinsamen Fortbildung "Wandlung" - KIRCHE AM ORT" teilgenommen. Damit wird das Postulat der vollen Einbindung der muttersprachlichen Seelsorger  in das örtliche Pastoralteam deutlich vorangebracht.

Schon jetzt deutet sich an, dass die WANDLUNGstagungen bewirkt haben, dass sich die deutschen und nichtdeutschen Teammitglieder in der Pastoral einer Seelsorgeeinheit mehr wahrnehmen als zuvor, zumal sie für die kommenden Jahre zu gemeinsamem Vorgehen als Kirche am Ort aufgefordert sind.

Schon bei der Jahrestagung der SeelsorgerInnen aller muttersprachlichen Gemeinden 2014 wurde das Verbindende aller Katholiken der Diözese von der Communio her gedacht und damit ein explizit theologisch-spiritueller Ansatz in den Mittelpunkt des gemeinsamen Bemühens gestellt.

Die Jahrestagung im Juli 2015 unter dem Motto "Migration als Gottes Weg mit uns"  handelten von den spezifischen religiösen Erfahrungen der Migrantengemeinden und dem für alle gemeinsamen spirituellen Fundament des Evangeliums.

 

Teil 3: Die Richtlinien für die muttersprachliche Seelsorge sollen überprüft und aktualisiert werden

a) Der Prozess

Nach 14 Jahren Erfahrungen mit den zahlreichen muttersprachlichen Gemeinden hat die Diözese Rottenburg-Stuttgart  sich vorgenommen, die bestehenden Richtlinien für die muttersprachlichen Gemeinden zu überprüfen und die muttersprachliche Seelsorge insgesamt zukünftsfähig zu machen.
Die Hauptabteilung Seelsorge hat unter Mitwirkung der Sprechergruppe der mutterspr. Gemeinden einen Weg entworfen, der bis Ende 2022 zu einem Ergebnis führen soll. Vertreterinnen und Vertreter der muttersprachlichen Seelsorge sind vor allem beteiligt über die Evaluation der bisherigen Situation, die u.a. durch eine Gemeindeversammlung in allen muttersprachlichen Gemeinden in Mai/Juni/Juli 2020 stattfinden wird. Außerdem ist ein Studientag im November 2020 vorgesehen, bei dem ehrenamtliche  Vertreter der Gemeinden sich mit den Fragen der muttersprachlichen Seelsorge befassen. In den Prozess einbezogen ist auch regelmäßig die Sprechergruppe der muttersprachlichen Gemeinden. Weiterhin werden auch Vertreterinnen und Vertreter der Pfarreien und die Dekane zum Thema befragt werden. Die Evaluation wird sehr breit angelegt sein und wissenschaftlich begleitet werden. Moderiert wird dieser Weg durch eine Steuerungsgruppe unter Leitung von Weihbischof Matthäus Karrer.

Spannend in diesem Prozess wird sein, ob es sich nur um eine vor allem formale Revision der Richtlinien handeln wird oder ob es auch um die Frage geht, wie die Kirche von Rottenburg-Stuttgart Heimat für alle sein kann, auch für die katholischen Christen die z.B. keiner muttersprachlichen Gemeinde zuzuordnen sind.

 

b) Gedanken auf dem Weg zur einer Revision der Richtlinien für die muttersprachlichen Gemeinden der Diözese Rottenburg-Stuttgart

Man darf gespannt sein auf die Ergebnisse der beginnenden Evaluation, vor allem auch, wie die Gemeinden  selber ihre Situation und ihre Erfordernisse und Möglichkeiten einschätzen

Das steht schon bisher in den Richtlinien ist aber wenig oder gar nicht umgesetzt:

- Pastorale MitarbeiterInnen mit Fremdsprachenkenntnissen in den Pfarreien wären als Ansprechpartner stärker zu profilieren (hier im Dekanat Rems-Murr z.B. ein afrikan. Priester, ein deutschstämmiger Priester und eine frühere Pastoralreferentin einer ital. Gemeinde, alle drei dezentral im Dekanat verteilt).

- Die Diözese will das Recht auf muttersprachliche Seelsorge mit Hilfe muttersprachlicher Gemeinden sichern. Dabei soll es zu einem fruchtbaren Austausch zwischen den Pfarreien und den muttersprachlichen Gemeinden kommen. Dieser Aspekt könnte meiner Meinung nach noch mehr zum Tragen kommen. Allerdings ist für einen echten pastoralen Dialog die einzelne muttersprachliche Gemeinde überfordert; hier wäre die Diözese gefragt, das spirituell-pastorale Erbe der Zuwanderer zu erheben und fruchtbar zumachen. Von deutscher Seite ist dafür nicht immer Interesse vorhanden, was die Verantwortlichen der muttersprachlichen Gemeinden bedauern.

- Die zunehmende Kooperation zwischen Ortsgemeinde und Muttersprachlern bzw. Zuwanderern in  einer SSE (Seelsorgeeinheit) soll in der Kooperationsvereinbarung verankern werden. Hier können Ziele und Wege benannt werden.

- Notwendigkeit der muttersprachlichen Sozialberatung in Kooperation mit der Caritas

- Personalentwicklung: Das Recht auf muttersprachliche Seelsorge bezieht sich auch auf theologische, pastorale und spirituelle Bildung. Es fehlen bisher BildungsreferentInnen, die selber aus dem Kontext der muttersprachlichen Gemeinden kommen, die sowohl muttersprachliche Bildung anbieten als auch integrative Projekte anbieten. Auch sonst gibt es meines Wissens keine Muttersprachler in verantwortlichen Positionen in der Diözese.

 

Über die Richtlinien hinausgehende Aspekte:

- Die Ortsgemeinden selbst sollen aktivere Partner in der Frage einer organisatorisch - spirituell - kulturellen Zusammenarbeit werden.

- Zusammenarbeit in den Integrationsprojekten der Kommunen (z.B. Seniorencafè) ermöglicht auch der Kirchengemeinde Kontakte zu Migranten.

- Das Thema der Beheimatung aller Einheimischen und Zugewanderten in einer Seelsorgeeinheit könnte gezielter in den Blick genommen werden. (Beispiel: Heimat - Jahr in der Kirchengemeinde St. Salvator Stuttgart-Giebel, Pater Konrad Werder)

- Die diözesanen Angebote (Wallfahrten, Bildung/Fortbildung usw.) für die Zukunft profilieren.

 

c)Best Practise in der muttersprachlichen Seelsorge

Was in einer Kirche, die missionarisch sein möchte, nicht verlorengehen sollte

- Nähe zu den Menschen, weniger Verwaltung, weniger Sitzungen

- Kontakt zu Menschen sehr unterschiedlicher wirtschaftlicher und Bildungs-Situation

- Bereicherung durch andere Frömmigkeitsformen, spirituelle Traditionen, pastorale Ansätze

- Erfahrungsraum für Seelsorge mit Migranten generell

- Aufnahme von Neuzuwanderern

- Spezielle Chancen auf z.B. Kinder, Jugendliche und Frauen hin nutzen durch die besondere Situation von Migrantenfamilien

 

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© Thomas Raiser     Teil 1:  2011/  Teil 2:  2014, fortgeschrieben 2015 Teil 3: 2020

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