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Migration und Seelsorge

Die Gegenwart der Verstorbenen in der Gemeinde
von Thomas Raiser

Die Familie Russo Valentino gedenkt des vor einem Jahr
bei einem Unfall verstorbenen Schwiegersohns Giuseppe.

Die Familien Molinaro und Pugliese gedenken
der verstorbenen Eltern Franco und Immacolata .....

Es ist Allerheiligen. Pippo und Anna verlesen, was auf den kleinen Zetteln steht, welche die Angehörigen zu Hause oder vor dem Gottesdienst ausgefüllt haben. Endlos scheint die Reihe der Familien, die ihrer Verstorbenen gedenken möchten. Es sind die Vorfahren, die eigenen Eltern und Großeltern, die Geschwister, Familienmitglieder, die schon in jungen Jahren aus diesem Leben gerissen wurden. Und es sind auch die, welche auf spektakuläre Weise ums Leben kamen.

Vielleicht ist die Emigration schuld daran, dass die Verbundenheit mit den Verstorbenen durch eine lange Trennungszeit um so größer erscheint. Viele gehen selten in den Gottesdienst, vielleicht nur an Allerheiligen und Palmsonntag.

Im ländlichen Milieu war die Verbundenheit der Generationen überlebensnotwendig. Man lebte als Arbeitsgemeinschaft über Generationen hinweg: In der Landwirtschaft ebenso wie in der Fischerei, wo der Älteste gleichzeitig der Kapitän des familieneigenen Fischerbootes ist.

Das Totengedenken kann eine Form sein, sich zu erinnern, woher man kommt. Das ist (meist) hilfreich für das eigene Leben. Die eigenen Werte, Traditionen, Rituale sind aufgebaut und übergeben durch die Generationen vor uns. Die Erfahrungen mit dem Nationalsozialismus zeigen, wie problematisch es ist, wenn eine Generation Werte bzw. Nicht-Werte lebt, die von der folgenden Generation nicht übernommen werden können oder sogar Verachtung verdienen.

In den traditionellen Religionen Afrikas erfahren die Ahnen eine fast gottgleiche Verehrung. Afrikanische Theologie hat deshalb eine Deutung von Jesus Christus als „Proto-Ahn“ entworfen, die hilfreich sein will, um Afrikanern eine kulturelle Brücke zwischen der eigenen religiös-kulturellen Tradition und dem Christentum zu bauen.

Die Liturgie der Eucharistie hat als eines ihrer wesentlichen Elemente die Erfahrung der Gemeinschaft der Heiligen. Das ist der Moment, in dem sich die Verstorbenen mit den Lebenden und den Zukünftigen und mit allen Engeln und Heiligen versammeln, um gemeinsam Gott zu loben in dem uralten Gebet bzw. Lied „Heilig .... Hosanna in der Höhe!“, praktisch eine Liturgie der Inthronisation Gottes. Die Verwendung von Unmengen Weihrauch während dieser Phase in der Liturgie der orthodoxen Kirche deutet die Vermischung der irdischen und himmlischen Sphären an, indem sie den Raum in einen geheimnisvollen Nebel hüllt.

Die Praxis in den Gemeinden

Die Verstorbenen sind auf verschiedene Weise präsent in den christlichen Gemeinden:
Da sind die Totentafeln der Weltkriege mit Toten und Vermissten, oft der einzig mögliche Ort der Trauer für die Zurückgeblieben nach den Kriegen. In vielen Gemeinden gibt es Bücher, in denen die Verstorbenen eingetragen werden und die offen aufliegen zum täglichen Gedenken.
Es werden die Namen von Verstorbenen auf Wunsch der Angehörigen im Fürbittgebet berücksichtigt oder im Rahmen des Hochgebets einbezogen „Vater, erbarme dich unserer Brüder und Schwestern, die im Frieden Christi heimgegangen sind ............. ( Namen ), und aller Verstorbenen, deren Glauben niemand so kennt wie du, und führe sie zur Auferstehung.“

Sollen alle Namen an Allerheiligen öffentlich verlesen werden? Es gibt auch die Form, die Zettel mit den Namen der Verstorbenen einzusammeln. Die Angehörigen bringen ihren Zettel mit den Namen der Verstorbenen in einer Prozession nach vorn zum Altar und entzünden dabei eine Kerze. Die Erfahrung zeigt, dass vor allem einfache Gläubige die Verlesung der Namen vermissen. Mit der Verlesung erklangen viele Namen von Familien wenigstens einmal im Jahr laut in der Kirche. Die Aufrufung des Namens hat einen Wiedererkennungseffekt: Man hat mich wahrgenommen. Gelegentlich wird dies als Rest eines Sozialdrucks aus dem dörflichen Milieu interpretiert. Das Gegenstück dazu ist Anonymität und Vereinsamung.
Pfarrer Gerald Warmuth (Winnenden) erzählte bei seiner Investitur als Pfarrer, wie in Guatemala in der Messe der Gemeinde die Namen der Verschwundenen aus der Gemeinde verlesen wurden. Und auf die Nennung eines jeden Namens antwortete jemand „presente“, also „Hier!“. Das ist Gemeinschaft der Lebenden und der Toten.
In einer Gesellschaft mit einem zunehmenden Anteil von Menschen, die niemand haben, der um sie trauert und die Erinnerung an sie wachhält, bekommt das gemeinsame Totengedenken eine neue Bedeutung.


© Thomas Raiser 2003

Stuttgarter Str. 10/1
70736 Fellbach
Tel. 0711 588110

Mail
thomas.raiser@z.zgs.de

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Buchtip

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