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Migration und Seelsorge

Unsere Seelsorgeeinheiten* - Heimat für alle?
von Thomas Raiser

In der Frage, wie zugewanderte Katholiken in die Seelsorge eingegliedert werden können, ist die Diözese Rottenburg - Stuttgart mit der Errichtung zahlreicher muttersprachlicher Gemeinde einen viel beachteten eigenen Weg gegangen.

1. Muttersprachliche Gemeinden und Ortsgemeinden

Die Entstehung bzw. Errichtung muttersprachlicher Gemeinden ist in der Diözese Rottenburg Stuttgart praktisch abgeschlossen. Damit ist ein spannender Prozess eingeleitet, der von seinem Ziel her für Deutsche und Ausländer gleichermaßen Identität und Integration ermöglichen soll. Veränderung ist immer eine spannende und zugleich bedrohliche Sache. Neues wird leichter, wenn Einheimische (Ortsgemeinden) und Zugewanderte (muttersprachliche Gemeinden) auf einander zugehen.

2. Mission brauchen alle

Die „Eltern“ der muttersprachlichen Gemeinden sind die Missionen.
Die Missionen hatten die Funktion, den Migranten eine Heimat auf Zeit zu sein und haben diese Aufgabe hervorragend bewältigt.
Die pastoraltheologische und migrationsspezifische Fachliteratur anerkennt die Leistungen der Missionen.(z.B.
Leitlinien zur Seelsorge an Katholiken anderer Muttersprache - Deutsche Bischofskonferenz, oder Prof. Dr. M. Scheidler). Sie beschreibt aber auch vielfach die Notwendigkeit, diese Parallelstruktur zu verändern, weil sich auch die pastorale Situation der Migranten und der Einheimischen verändert hat.
Das Konzept der muttersprachlichen Gemeinden in den Seelsorgeeinheiten, wie es die Diözese Rottenburg-Stuttgart beschlossen hat, ist nicht unumstritten. Es ist aber das wohl weitestgehendste Modell in Deutschland, das Identität und Integration von Einheimischen und Zugewanderten zu vereinbaren sucht.

In den Rahmenrichtlinien, die 2008 in revidierter Form herausgegeben wurden, gibt es Elemente, welche die Eigenart der muttersprachlichen Gemeinden bewahren und schützen.
Zugleich werden die Strukturen auf eine verstärkte Integration hin verändert. Beispielsweise wurde der strukturelle Rahmen der meisten muttersprachlichen Gemeinden auf eine Seelsorgeeinheit beschränkt. Die Realität ist aber, dass die muttersprachlichen Gemeinden oft riesige Einzugsgebiete haben. Die dort wohnenden Italiener z.B. haben seelsorgerliche Erwartungen an die muttersprachliche Gemeinde, es gibt aber dafür künftig kein Personal und keine Gelder mehr. Auch bei den Pastoralratswahlen können nur die Mitglieder der Kern-Seelsorgeeinheit ihr aktives und passives Wahlrecht ausüben, was an der Wirklichkeit großenteils vorbeigeht.

3. Die sollen sich halt anpassen

Es kann einen qualitativen Schub in der Seelsorge bedeuten, wenn Gemeinden, diözesane Einrichtungen und Verbände die veränderte Situation wahrnehmen und die Chancen erkennen, die darin liegen. Die neue Struktur bedeutet nicht, dass die Ausländerseelsorge einfach in vorhandene Strukturen integriert wird. Vielmehr ist wichtig zu fragen, in welcher Situation die ausländischen Familien leben und glauben und welche Formen der Seelsorge bereits in den Missionen erfolgreich praktiziert worden sind. Ein Beispiel: In den italienischen Gemeinden gibt es z.B. das Oratorio, eine familien-integrierende Form von Gemeinschaft usw. Das Miteinander der Gemeinden hat zugenommen, das gegenseitige Lernen voneinander hält damit aber nicht immer Schritt.

4. Begegnung fördern mit System

Tatsächlich gibt es in den Ortsgemeinden eine große Aufnahmebereitschaft auf die ausländischen Gemeindemitglieder hin. Es gibt aber auch Ängste vor Überfremdung und Veränderung. Fortschritte im Miteinander bzw. friedlichen Nebeneinander gibt es dort, wo die Begegnung und das Kennen- und Schätzenlernen der Gemeindemitglieder, insbesondere der Verantwortlichen (KGR, Katecheten, Lektoren, Kommunionhelfer, Leiter von Gruppen) systematisch gefördert wird. Einige gemeinsame Gottesdienste im Jahr und die Pizza beim Gemeindefest können ein Anfang sein. Gemeinsame Treffen, Klausurtage, Fortbildungen, Wallfahrten könnten das Begonnene weiterführen.

5. Keine Gast-Katholiken mehr

Bei der Bildung der muttersprachlichen Gemeinden geht es auch um Räume. „sich daheim fühlen“ hängt auch mit Räumen zusammen, die eine muttersprachliche Gemeinde zu ihrer (fast) ausschließlichen Verfügung hat. Wer jahrzehntelang Gast in Kirchen und Sälen war, der kennt viele offene Türen und Gastfreundlichkeit, aber auch Einschränkungen und Willkür, die mit Gästen geschehen können.
Je offener sich eine örtliche Kirchengemeinde (Seelsorgeeinheit) zeigt und aktiv auf ihre ausländischen Katholiken zugeht, um so geringer ist die Notwendigkeit für die muttersprachliche Gemeinde, alles selber und doppelt zu besitzen.
Die Diskussion um Kirchen und Räume, die mancherorts nicht mehr dringend gebraucht werden, hat in vielen Gemeinden Nachdenklichkeit ausgelöst, ob man wenig genutzte Gemeinderäume nicht einer muttersprachlichen Gemeinde zur Verfügung stellen könnte, dann könnten sie auch weiterhin von allen im Bedarfsfall genutzt werden.

Eine sehr heikle Frage ist die Mitgestaltung der von muttersprachlichen Gemeinden mit genutzten Kirchen und Räume. Wenn die Vernetzung zwischen den muttersprachlichen Gemeinden und den anderen Pfarreien in den Seelsorgeeinheiten dichter wird, dann ist es auch angemessen, dass die muttersprachliche Gemeinde die Gestaltung „ihrer“ Kirche bzw. Räume mitbestimmt – natürlich in Absprache und in angemessener (z.B. künstlerischer) Weise. Ohne Kompromisse wird das nicht möglich sein. Das war damals bei der Ankunft von Millionen Vertriebenen in unserer Diözese auch nicht anders.

*Anmerkung: Unter Seelsorgeeinheiten versteht man einen Zusammenschluss von mehreren benachbarten Kirchengemeinden zu einer strukturellen Einheit.

(Aktualisiert im Juli 2017)

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Thomas Raiser
Stuttgarter Str. 10/1
70736 Fellbach
Tel. 0711 588110

Mail
thomas.raiser@z.zgs.de

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Richtlinien für die Pastoral mit Katholiken anderer Muttersprache in den Seelsorgeeinheiten der Diözese Rottenburg Stuttgart

aktualisierte deutsche Fassung 2008

italienische Fassung 2008/2009


Buchtip

Monika Scheidler
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