Home

Gastfreundliches Kalabrien

San Francesco di Paola
Freundschaftliche Beziehungen zwischen Fellbach und Cariati
Migration
Kirche

Spiritualität

Kontakt / Impressum


Zu den italienischen Seiten

 

Pietrapaola

Das wie so viele Orte der Sila Greca zweigeteilte Pietrapaola besitzt einen alten Ortskern im Landesinnern sowie einen neueren Ortsteil Pietrapaola Marina am Ionischen Meer. Hier, an der Bahnstrecke Taranto - Sibari - Crotone, und an der Staatsstraße 106 spielt sich heute das hauptsächliche Leben ab.

Der alte Ortsteil im Landesinnern mit den ihn überragenden zwei Felsen fällt auf durch die vielen Felshöhlen, die teilweise bis heute als Ställe dienen. Zu besichtigen ist eine aus dem Fels gegrabene Höhle, die "Grotta del Principe". Die abgelegene Lage des alten Ortskerns hat zu einer vermehrten Abwanderung an die Küste geführt, so dass die Einwohnerzahl stark zurückgegangen ist.

Wie alle anderen Orte emigrierten viele Leute aus Pietrapaola u. a. nach Deutschland, z.B. auch nach Warstein, woraus sich eine Städtefreundschaft zwischen Warstein und Pietrapaola entwickelt hat, die bis heute lebhaft gepflegt wird.

 

Impressionen Pietrapaola 2014

 

 

Links: Die Kirche in Pietrapaola Mare

 

 

 

 

 

 

Unten: Sonnenaufgang am Meer

 

 

Oben: Lungomare Pietrapaola Mare

Rechts: Brunnen mit einem Felsen, am Lungomare. Pietra = Fels

 

 

 

Rechts: Blick ins Hinterland

 

 

 

Unten: Emigrantendenkmal auf der Piazza Warstein

 
     
 
     
 

Oben: Erinnerungsmal an die Städtepartnerschaft mit Warstein, das Dach ist gefertigt aus einem altem Braukessel

 

Links: Ein frustrierter Tourismusunternehmer macht seinem Ärger in Kunstwerken und in deutsch-italienischen Aufschriften Luft. Schade um die schöne Anlage. Angeblich sind bürokratische Schikanen schuld, dass die Anlage stillliegt.

 

 

    Ein im Jahr 2004 erschienenes zweisprachiges Buch erzählt ausführlich die Geschichte von Pietrapaola und beschreibt die Sehenswürdigkeiten. (habe ich erhalten durch Herrn Peter Aschberger)

DIE NACHT VON PIETRAPAOLA
Zum dritten Mal findet 2014 die Nacht statt, in der das ursprüngliche Pietrapaola, rund 10 km landeinwärts im Sila-Vorgebirge gelegen, zum Leben erwacht. Ein Plakat zeigt die Häuser, die sich um den Felsen Castello gruppierend an den steilen Hang schmiegen. Die paar hundert verbliebenen Bewohner tun sich heute zusammen mit rund 1500 ausgelassenen Festbesuchern, die alle irgendwie mit dem Ort verbunden sind. Der Event, der von der Partnerschaftsgesellschaft Pietrapaola – Warstein organisiert wird, reiht sich ein in die Bemühungen der zwischen Meer und Bergen aufgeteilten Orte, die alten Zentren auf dem Vorgebirge zu erhalten und mit Leben zu füllen.

Unter den Freunden der alten Ortskerne im Vorgebirge hat sich in den vergangenen Jahren eine Nostalgie ausgebreitet, die Bewohner, Emigrierte und Touristen verbindet und zusammenführt, so wie hier in Pietrapaola. „Abbracciamo Terravecchia“ – ‚Umarmen wir Terravecchia‘ ist ein anderes Beispiel dafür: Einmal im Jahr „umarmen“ die Freunde des Dorfes ihr Terravecchia. Organisiert sind sie meist über Facebook-Gruppen. In Pietrapaola beispielsweise Cose di pietra - paola paese, oder La Voce di Pietrapaola

 

 

 

 

  Der Hauptfestplatz in Pietrapaola Paese mit seinem Brunnen ist auf eindrucksvolle Weise zwischen den beiden Felsen Castello und Salvatore gelegen. Eine Bühne ist aufgebaut, Stände mit Öl und Spezialitäten werden vorbereitet. Eine Jugendgruppe in schwarzen Anzügen und roten Halstüchern spielt mit traditionellen Musikinstrumenten eine Tarantella zum Auftakt. Noch lassen sich die Besucher an zwei Händen abzählen. Die Folk-Jugendgruppe der Banda Musicale ‚Citta di Mirto Crosia‘ macht sich auf den Weg aufwärts durch den Ort. Dort wird ein Buch über den Dialekt des Ortes vorgestellt, doch die Reden dauern lange und die Zuhörer warten auf das Ende und den Beginn des Festes.
  Dann führt die Musikkappelle von Verzino mit schwarzen Kostümen und silbernen Krawatten den Zug der Besucher zum Festplatz abwärts. Jetzt, wo es dunkel ist, sind die beiden Felsen oberhalb des Festplatzes beleuchtet, eine überwältigende Kulisse. Die sonst leeren Straßen sind nun von den hunderten Besuchern belebt, statt sonst nur einer Bar gibt es nun drei, in Höfen und Kellern wird bewirtet und gefeiert. Der Käseproduzent Spataro zeigt die Herstellung von Mozzarella live.
Bildmotiv in den Straßen von Alt-Pietrapaola  
 

Einer der wenigen Jugendlichen aus dem alten Dorf bietet an, uns auf den Felsen Castello zu führen. Er zeigt uns den Zugang zu der riesigen Metalltreppe, die auf die Ebene oben auf dem Felsen führt. Dort oben erwartet uns wilde Macchia, Sträucher, Gestrüpp, Bäume, wildes Gewächs mit Trampelpfaden. „Hier gibt es Schlangen“, erzählt Natale Romano, 19 Jahre, Absolvent der 5jährigen Scuola Professionale Alberghiere (Gastronomiefachschule) in Rossano. Er ist einer von drei Jungen und sieben Mädchen, die noch im alten Dorf wohnen. Ab September wird er in Frankfurt im Restaurant eines Verwandten die Arbeit aufnehmen. Er zeigt uns noch den Palazzo Urso, wo sich vor Jahrhunderten der König aus Neapel aufgehalten haben soll. Das wäre kein Wunder, weil dieser Palazzo als Baronspalast unmittelbar mit dem spanischen Vizekönig verbunden war.

   
  Natale Romano mit Musikern aus Verzino
 

Mario Giordano hat 1996 ein Buch über Pietrapaola verfasst und im Selbstverlag herausgegeben:

PIETRAPAOLA, lineamenti di archeologia e storia locale
(PIETRAPAOLA - Grundzüge der Archäologie und Ortsgeschichte)

Mario Giordano wurde am 15. Mai 1973 in Pietrapaola geboren und studierte Ingenieurwissenschaften an der Universität von Kalabrien in Cosenza. Mit vierzehn Jahren, so schreibt er in seinem Vorwort, habe er seine Nachforschungen begonnen, um seine persönliche Neugier zu befriedigen, die ihm bis dato erhalten blieb. Örtliche Heimatforscher und Archäologen haben seine Forschungen unterstützt, die Gemeinde Pietrapaola hat die Herausgabe des Buches mitfinanziert.

In seinem Buch findet sich u.a. ein Aufsatz des Journalisten Giovanni Russo, geb. 1925 in der Provinz Salerno. Giovanni Russo hat sich seit den 50erJahren mit der Frage des Mezzogiorno befasst, also der wirtschaftlichen und sozialen Benachteiligung der südlichen Regionen. Lange Jahre war er Korrespondent des Corriere della Sera und hat aus dem Süden berichtet. Er war bekannt mit Carlo Levi (Verfasser von "Christus kam nur bis Eboli") und anderen Schriftstellern, die sich dem Süden Italiens verschrieben haben.

In dem zitierten Artikel schreibt G. Russo über eine Reise nach Pietrapaola im Jahr 1949 (I figli del Sud, 1973, zitiert bei Mario Giordano S. 111 ff). Seine Erfahrungen machen verständlich, warum wenige Jahre danach die große Welle der Emigration einsetzte.

Die Stationen der Eisenbahnstrecke Sibari - Crotone tragen die Namen unsichtbarer Orte, die sich hinter den Höhenzügen des Vorgebirges verstecken. Pietrapaola ist eines dieser Dörfer, 60 km von Crotone entfernt, und sein Bahnhof ist einer der vielen kleinen Würfel, hingesät entlang der Strecke ins offene Gelände, nahe am Meer, Einöde, von der aus die Möwen gelegentlich bis zum Land fliegen, um sich mit den Spatzen zu mischen.

Einige Kasematten in Stahlbeton, Hügel mit leeren Augen von Kanonen, und einige Gräben zur Verhinderung von Landungen zeugen davon, dass hier während des Krieges Menschen waren.

Jetzt ist die Gegend wüst wie das Meer, ohne ein einziges Haus. Nur hie und da Erde, mit Stoppeln bedeckt, langsam die Farbe entsprechend dem ruhigen Gang von Ochsengespannen. Hier beginnen die Länderein von Pietrapaola, und hier enden die Güter der Barracco, der Berlingieri und der Galluccio (das sind Barone, die ihre Ländereien von den alten Lehensherrn geerbt oder gekauft haben nach dem Ende der Feudalherrschaft um 1800).

Ich bin der einzige Reisende, der an der Station Pietrapaola aussteigt. Kein Transportmittel gibt es, das mich in den Ort hochbringen könnte. Der Bahnhofsvorsteher, sein Handlanger, und der Wirt, der Wein für die Tagelöhner ausschenkt, die bei der Eisenbahn arbeiten, betrachten mich mit Erstaunen. Keiner hat ein Gefährt. Nur der Briefträger hat einen alten Esel; er belädt ihn mit dem Postsack und einer Kasse, die für den Priester bestimmt ist.

Ich wende mich an ihn, um ihn zu fragen, ob er mir wenigstens einen Esel zur Verfügung stellen könnte für die Reise. Er ist ein schmächtiger Junge, bekleidet mit einer Samtjacke und ein paar verblichenen Hosen. Mit einem Lächeln antwortet er mir, dass man auch mit einem Esel nicht vor dem späten Nachmittag im Dorf ankommen könnte. Es ist kaum 11 Uhr vormittags. Ich mache mich auf den Weg mit dem Briefträger, unter heißer Sonne, auf der Straße, die wie ein Bachbett mit Steinen übersät ist. Er schaut mich neugierig an und fragt mich nach wenigen Minuten, woher ich komme. Von Rom, antworte ich. Aus einem Schweigsamen wird nach wenigen Minuten ein Redseliger, und er sagt mir, er wolle gern nach Rom gehen, um dort eine Anstellung zu finden.

Was er erzählt ist bitter. Von ihm erfahre ich, dass er vor dem Krieg begonnen hatte, in einem Priesterseminar in Crotone zu studieren, wo ihn sein Bruder, der Lehrer war, ausgehalten hat. Dann starb der Bruder in Russland, und so hatte sich alles zum Schlechten hin verändert; er kehrte ins Dorf zurück, um 30 km am Tag die Post auszutragen. Kommen Sie an einen Ort, wo es nichts gibt, keine Straßen, kein Licht. Nur kargen Boden zum Hacken. Er verabschiedet sich von mir an dem Haus nahe dem Bahnhof. Es ist ein weites Gebäude, das mitten zwischen den Oliven steht, umgeben von Gebäuden, wo die Lager für Getreide und Oliven sich befinden, die Ölmühle und der Keller. Etwa zwanzig Kinder, ohne Schuhe und schmutzig, spielen vor dem Gittertor. Einige Frauen, die auf den Briefträger zugehen, nicht ohne neugierige Blicke herüberzuwerfen. ..... Der Besitzer und sein Sohn stehen mitten im Lager, um die Beladung der Oliven auf den Lastwagen zu kontrollieren. Der Großoffizier A.C. ist ein beleibter Mann, mit Augen wie ein Falke. Ich frage ihn, ob er mit ein Transportmittel zur Verfügung stellen kann, um hoch zum Dorf zu gelangen. Im ersten Augenblick scheint es, als wollte er sich gleich von meiner Abwesenheit befreien und befiehlt einem Landarbeiter, ein Pferd zu holen. Dann, als er weiß, dass ich aus Rom komme, (auch er wohnt in Rom mit Frau und Töchtern) lässt er mich ins Haus eintreten. Er bringt mich in sein Studio, wo auf dem Tisch als einzige Bücher die Erinnerungen des Casanova aus der Edizione Nerbini liegen, und ein Revolver, griffbereit im halboffenen Futteraal. Er lässt mich das Haus besichtigen, das noch die Spuren eines Baronssitzes bewahrt (Es stammte von einem alten garibaldinischen Senator, ging dann über in die Hände des Barons Berlingieri, der es verkaufte, um zwei Rennpferde zu kaufen.)

An den Wänden der Zimmer sind Bilder von Napoleon und eine Abbildung aus dem 17. Jahrhundert - sie zeigt einen Vorfahren, der seinen Pflegebefohlenen Vorwürfe macht. Von der Terrasse, die sich über den Wipfeln der Oliven öffnet, erstreckt sich das blaue Meer, und auf der anderen Seite der kahle Berg, der den Ort Pietrapaola versteckt. A.C. zeigt mir auch ein Zahnarztdiplom. Er hatte sein Glück in Brasilien gemacht, wo er in den verlassendsten und abgelegensten Dörfern herumreiste mit einem Pferd, einem Schwarzen und einem Koffer mit seinem Handwerkszeug. Zurück in Italien erwarb er die 600 Hektar, die er jetzt besitzt, von dem Baron Berlingueri. Er wohnt hier für 7 oder 8 Monate im Jahr, die Jagdhunde leisten ihm Gesellschaft, und im Hof des Hauses tummeln sich in einer Voliere exotische Vögel, die er sich aus Brasilien kommen lassen hat.
Nach dem Mittagessen (Herr A.C. war sehr höflich und gastfreundlich) fragte er mich, ob ich noch die Absicht hätte, nach Pietrapaola hinaufzugehen. In 25 Jahren ist er kein einziges Mal hinaufgegangen ...
Als er merkt, dass ich gerne möchte, lässt er die Kutsche herrichten. Für den Anstieg hinauf nach Pietrapaola braucht die Kalesse mehr als eine Stunde. Die Straße ist tatsächlich schlechter als ein Maultierpfad. Die Erde ist desolat, erscheint verwildert, mit dem wie hingestreuten silbernen Schimmer von Oliven als einzige Abwechslung, wo Frauen mit der Ernte beschäftigt sind.. Der Junge, der das Pferd führt, Giuseppe Salerno, 16 Jahre alt, ist Sohn eines Wachmanns von A.C.; er hat die Schule bis zur zweiten Klasse besucht und kann kaum seinen Namen schreiben. Er arbeitet als Handlanger auf den Ländereien von A.C. Er hat in seinem Leben noch nie einen Film gesehen, nur einmal einen „Film von Gott“, wie er sagt, auf der Piazza von Mandatoriccio. Sein Vater verdient 6000 Lire im Monat und hat sechs Töchter zu verheiraten. Peppino sagt mit, dass er und seine Verlobte (ein Mädchen von 16 Jahren, die im gleichen Betrieb arbeitet) sich entschieden hätten zu heiraten, wenn er Carabinieri geworden ist. Aber für Carabinieri braucht man den Abschluss der Grundschule. Deshalb widmet sich Peppino jeden Abend dem Sillabario (Fibel), dem einzigen Buch, das er besitzt. Er würde gern zur Schule gehen; aber auch sonntags, wenn er gerne lernen würde, muss er arbeiten, sonst würde er entlassen. Ich frage ihn, warum er Carabinieri werden will. Weil ich sonst immer so schuften muss, antwortet er.
Pietrapaola erhebt sich am Fuße eines Felsens, der von Höhlen durchlöchert ist und der das Dorf von einem zum anderen Augenblick zu erdrücken scheint. Und oft löst sich ein Stein und wälzt sich über ein Haus oder einen Schweinestall. Die Häuser sind Hütten, die sich an den Berg klammern.

Zur Zeit ist Pietrapaola von Kindern und Alten bevölkert. Die Frauen sind alle bei der Olivenernte, und die Männer arbeiten mit dem kleinen Pflug auf den Feldern. Im Dorf befindet sich von den Männern nur der Präsident der Genossenschaft "Risveglio", ein alter Bauer, der sich wegen seiner Arthritis nicht bücken kann, und der Priester.
Der Präsident der Kooperative ist ein Mann, der immer lernt, so hatte mir Peppino gesagt. Und tatsächlich liest er ein Buch über Darwin und einen Roman über Galilei. Er zieht mich zum Fenster und zeigt mir das Tal, durch das ich aufgestiegen bin. "All das gehört nur 5 oder 6 Personen." sagt er. "Vom Meer bis zum Berg ist der Baron Toscano Eigentümer. Von dort hinten folgt Passavanti, der zweitausend Hektar Land für Aussaat und Oliven besitzt. Dann folgt die Arcipretura (Land in kirchlichem Besitz) mit 1000 Hektar, dann Urso, Demundo und A.C. Früher gehörte das Ganze nur zwei Besitzern: dem Herzog von Pezzo und der Arcipretura. Doch bei der Übergabe des des Landes aus der Hand eines einzigen Besitzers in mehrere Hände sind die Bauern leer ausgegangen. Das Land hat nur den Namen gewechselt; das Prinzip blieb dasselbe. Und das Prinzip ist, dass zweihundertfünfzig Familien von Pietrapaola mit insgesamt 1500 Personen zusammen nur 48 Heltar Land besitzen, nicht einmal ein Taschentuch Land pro Kopf, und dass sie um Arbeit betteln gehen auf den Ländereien der Passavanti, der Urso und Celeste." - "Almosen ist das richtige Wort," sagt Gualtiero, der - um ein gebildeter Bauer zu sein - gelernt hat, mit Rhetorik zu sprechen. "Denn wenn man die Aussaat endet und die Ernte vorbei ist, braucht uns keiner mehr. Im Dezember, Januar und Februar bis Mitte März gibt es keine Arbeit, und man macht einen Arm voll Holz und bringt den Esel auf die Weide. In den anderen Monaten arbeitet man 15 Tage, und es gibt sogar Leute, die nicht einmal eine Arbeit wenigstens für eine Woche finden. Der Preis pro Tag ist mit 500 Lire angesetzt, aber hier zahlen sie nicht mehr als 300 und nur in bestimmten Bereichen 400. Aber wir wären auch mit 300 zufrieden, wenn wir jeden Tag Arbeit hätten.
Ein Bauer aus Pietrapaola kennt nichts außer harter Arbeit. Er steht früh auf, manchmal um zwei Uhr in der Nacht, (es gibt keine öffentliche Uhr, und die Dörfler besitzen keine Uhren ...) wenn der Esel, der im gleichen Haus wie sein Besitzer schläft, aufsteht und zu schreien beginnt. Im Dunkeln belädt er das Tier mit Pflug und Hacke und geht talwärts. Er arbeitet auf seinem Stück Land, das sich oft an den unfruchtbarsten Stellen befindet: am Bachbett oder an den Berghängen. Dann belädt er wieder den Esel mit dem Pflug und kehrt ins Dorf zurück. Vor allem die Frauen verrichten Sklavenarbeit. Die Frau befindet sich wirklich auf der untersten Stufe der sozialen Stufenleiter. Die mühsamsten Arbeiten sind ihre:Sie folgt dem Mann barfuß und trägt die Lasten, die der Esel nicht tragen kann. Sie holt das Wasser von der Quelle (Das Dorf hat keine Wasserleitung.)Sie sammelt die Eicheln für die Schweine und trägt die Reisigbündel nach Hause. Eine Frau mit 30 Jahren gilt als alt.

Auch hier in Pietrapaola gab es einige Versuche, das Land zu besetzen. Sie sind in den Oleaster-Wald von Passavanti gegangen, das sind etwa 700 tomoli (Morgen??) Land, die für die Jagd reserviert sind sowie auf anderes Land, das nicht bepflanzt war. Dort haben sie mit dem Pflug eine Furche gezogen. Aber dann kamen die Carabinieri von Mandatoriccio, und sie haben davon abgelassen. In Wirklichkeit sind die Bauern von Pietrapaola zu sehr Fatalisten, als dass sie ernsthaft an gewaltsame Aktionen denken könnten wie ihre Leidensgenossen in den Dörfern an der Küste. Mit Mühe haben sie eine Genossenschaft gegründet, weil ihnen Gualtiero gesagt hat, so könnten sie Land erhalten, und bei den Wahlen haben sie die Kommunisten gewählt, aber bei den Kommunalwahlen haben sie wieder Passavanti gewählt. Der aber ist viel zu beschäftigt mit seinen Ländereien, als dass er über die Angelegenheiten des Ortes nachdenken könnte. Das Dorf hat keine Kanalisation, die Abfälle wirft man auf die Straße. Es gibt keine Straßenbeleuchtung, weil die Elektrizitätsgesellschaft eine zu große Summe für die Instandsetzung forderte.

Die Schulen sind errichtet in baufälligen Räumen, ohne Bänke und Tafel. Davon abgesehen siond sie wenig besucht. Fast die Hälfte der Kinder kann nicht lesen und schreiben. Die Eltern schicken sie lieber zum Schafe- oder Ziegenhüten. Von sechs Kindern eines Bauern konnte eines lesen. In dieser Jahreszeit sind praktisch alle Kinder damit beschäftigt, ihren Müttern bei der Olivenernte zu helfen. Eine Frau verdient 170 Lire am Tag, aber jeden Abend wird sie durchsucht und kann nicht eine einzige Olive mitnehmen. Die Kinder dagegen können es wagen, einige Handvoll zwischen Hemd und Brust oder in den Hosenaschen zu verstecken, und selbst wenn sie erwischt werden riskieren sie wenig.

Der Pfarrer von Pietrapaola ist ein junger Priester aus Tarsia, vor zwei Monaten vom Bischof von Rossano geschickt, um den alten Erzpriester abzulösen, der bei den Bauern verhasst war. Der alte Priester hat offensichtlich die Ländereien der Arcipretura (=Ländereien der Kirche am Ort) als sein persönliches Anliegen betrachtet und mit den Bauern sogar während der Messe die entsprechenden Dinge besprochen. Der junge Priester will anders als der alte für die Menschen da sein:
als Arzt (er hat in der Sakristei Sulfamide und andere Arzneien, die er kostenlos verteilt, aber mit einer gewissen Sparsamkeit, denn er hat nicht viel davon), als Sozialbetreuer, als Lehrer, weil er in der Kirche jeden Tag ein wenig Unterricht macht für die Kinder, die er von der Straße holt. Don Ferruccio würde gerne mehr machen, aber obwohl die Kirche von Pietrapaola die reichste der Umgebung ist, besitzt er keinen Soldo. Die Ländereien der Arcipretura werden direkt von der erzbischöflichen Verwaltung in Rossano verwaltet, und der Erlös geht an die Erzdiözese dorthin. Don Ferruccio wollte beispielsweise einen zweijährigen Berufschulkurs anbieten, um den jungen Bauern, die es Richtung Stadt zieht oder die emigrieren wollen (teils illegal nach Frankreich) einige Grundkenntnisse zu vermitteln. Don Ferruccio sagte mir, wie in allen Dörfern des Crotonese und Kalabriens ingesamt existiere natürlich ein Problem der sozialen Gerechtigkeit und der Umverteilung des Landes:
"Gemeinsam sollte man ein Organ des sozialen Beistands sowie eine medizinische Betreuung schaffen und schließlich Schulen bauen für alle an einem geeigneten und würdigen Ort sowie Gemeinschaftshäuser. Denn in diesen elenden Behausuntgen schlafen die Leute zusammen mit den Ziegen, den Schweinen und den Eseln." Don Ferruccio hat an den Präsidenten der Republik geschrieben, um zu erreichen, dass wenigstens ein kleiner Teil der öffentlichen Gelder für Aufträge im Crotonese verwendet würde, um Wohnhäuser in Pietrapaola zu errichten. Man hat ihm geantwortet und 10 Millionen versprochen. "Ein Tausendstel von dem, was man in Rom ausgibt," meint er, "würde reichen, um in Pietrapaola viel zu machen. Dann bräuchte man einen Arbeitsvermittler der fähig wäre, die Gesetze zu respektieren und die Arbeitsverträge, und der sich nicht von den Grundbesitzern kaufen lässt. Und schließlich müssten die Besitzer vepflichtet werden, sich um die Grundbedürfnisse der Bauern zu kümmern. Ich habe versucht, etwas in diese Richtung zu machen. Ich habe beispielsweise Passavanti gefragt, einen Wagen, der ungenutzt in einer Scheune stand, den Bauern zur Verfügung zu stellen, die jeden Tag 20 km zu Fuß gehen, um auf ihren Feldern zu arbeiten. Passavanti teilte mir dann mit, dass der Wagen keine geeigneten Reifen hätte. Ich musste dabei auch vorsichtig sein. Wehe wenn mich die Bauern vedächtigt hätten, mit dem Grundbesitzer unter einer Decke zu stecken. Das wäre das Ende gewesen; sie hätten mich im Stich gelassen. Deshalb," so schließt Don Ferruccio, "gibt es hier keinen Mittelweg. Die Welt der Bauern auf der einen Seite, eine geschlossene und feindselige Welt, und auf der anderen Seite die Welt der Besitzer. Wenn es gelingen würde, das Dorf zu ' öffnen', um es in Kontakt zu bringen mit den besser entwickelten Orten wie Mandatoriccio, das fünf Kilometer entfernt liegt an der Nationalstraße, dann würde diese bedrückende Atmosphäre verschwinden."
So allerdings, in dieser Unbeweglichkeit, dörren die Gemüter aus und es häuft sich immer mehr das Misstrauen und der Streit. Die Wirklichkeit von Pietrapaola entspricht in etwa derjenigen praktisch aller kleinen Dörfer im Landesinnern von Kalabrien. Hier vergrößern sich die größten Übel dieser Gesellschaft vor unseren Augen wie unter einem Mikroskop.

Ein einzelnes Dorf in den Bergen, verlassen, wo eine Grundbesitzerbourgeoisie lebt, unfähig, eine soziale Verpflichtung zu empfinden, die das Land nur begreift als Werkzeug der Ausbeutung auf der einen Seite, und misstrauische Bauern auf der anderen Seite.

Das Gesetz dieser Gesellschaft ist nur eines: Der Hass. Ich habe keinen Bauern oder Grundbesitzer von Pietrapaola getroffen, der für den andern ein Wort des Verständnisses gehabt hätte. Auch die unmittelbar Abhängigen sind dienstbereit, aber sie heucheln nicht, sie dienen und hassen.

Ein Wachmann von A.C., der mich mit dem Licht zur Treppe des Hauses geleitete, um den Padrone vor dem Weggang zu grüßen , habe ich später am Bahnhof getroffen, als er mit anderen Bauern in einer Schenke saß. Er beteiligte sich am Gespräch."Sie sind alle gleich, alle dieselben." Damit wollte er sagen: Auch meiner, auch der, dem ich gezwungenermaßen Gehorsam geleistet habe. Die einzige Beziehung ist jene, die bei der Arbeit entsteht oder bei der Olivenernte. Endet die Ernte, endet die Beziehung. Der Padrone schließt sich in seinem Haus ein, die Tagelöhner gehen fort mit ihrem Sack Oliven oder ein paar tausend Lire in den Taschen, in die Dörfer in den Bergen oder am Meer, woher sie gekommen sind. Die Wachleute bleiben zurück, um die Gittertore zu schließen und den Padrone zu grüßen, wenn er morgens aufsteht.

(Dezember 1949)