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San Morello

Das kleine Dorf, das heute ein Ortsteil von Scala Coeli ist, liegt 7 km landeinwärts
und hat als Meereszugang die kleine Ortschaft San Leo. San Morello liegt ursprünglich
hoch auf einem Felsen. Zum ersten Mal erwähnt ist S. Morello um 1272. Die Jahreszahl
ist in einem liturgischen Gerät (Ostensorium) eingraviert, das noch heute erhalten ist und
in Rossano aufbewahrt wird. Wie die anderen Orte ringsum wurde S. Morello von 800 - 1200
wiederholt von Sarazenen und Piraten ausgeplündert. San Morello war aufgrund seiner
exponierten Lage auf dem Berg einer der Meldeposten entlang der ionischen Küste,
die durch Feuerzeichen vor feindlichen Übergriffen vom Meer her warnen sollten.
Nach der Erwählung des heiligen Maurus im Jahr 1272 gab es zumindest in San Morello
keine Einfälle und Plünderungen mehr. Seit dieser Zeit ist S. Mauro der Schutzheilige (protettore)
des Ortes, nicht zu verwechseln mit dem Patron der Kirche, S. Nicola, dem Beschützer
der Seeleute und der Kinder. In alter Zeit (wohl um 1100 - 1200) gab es ein Schloss.
Im Ort angesiedelt war ein "corte tribunale", also ein Gericht mit einem entsprechenden
Carcere (Gefängnis) und dem Recht, Hinrichtungen durchzuführen. Die Stadt war durch
die natürlichen Felsen geschützt, die auch heute zum Ortsbild gehören. Es gab nur zwei Zugänge,
durch die man früher in den Ort gelangen konnte: die "Porta della Terra" von der erdigen Seite aus,
und die "Porta Salice" benannt nach einem Felsen auf der felsigen Seite.

San Mauro, Leben und Legende

Maurus ist bekannt als Begleiter und Vertrauter des Mönchs und Ordensgründers
Benedikt von Nursia. Man erzählt, dass die beiden römischen Senatoren Equitius
und Tertullius zu Benedikt gekommen seien, um ihm ihre beiden Söhne Maurus und
Placidus anzuvertrauen. Der jüngere Placidus ist für Benedikt wie ein Sohn.
Maurus ist einiges älter als Placidus. Maurus gilt als Baumeister der für Benedikt
den Klosterbau besorgt. Maurus hat das Vertrauen Benedikts genauso wie das Vertrauen
der Mönche. Man erzählt, ein Mönch sei beim Fällen der Bäume die Axt aus der Hand
geglitten und in den See gefallen. Da geht er nicht zum ernsten und strengen Vater Benedikt,
sondern klagt sein Unglück dem jungen Maurus, weil er weiß, dass dieser mit Benedikt
am besten umgehen kann.
Die Legende erzählt weiter, dass Maurus zu einem Kloster gehörte, in dem ein Mönch
vom Gebet abgehalten wurde, indem ihm jeweils vor den Gebetszeiten ein "schwarzes Kind" erschienen sei und ihn vom Gebet fortgezogen habe. Benedikt vertrieb das "schwarze Kind", also: die dunkle Macht, aus dem Leben des Mönchs.
Eine weitere Legende berichtet, wie Benedikt den jungen Placidus an den See zum Wasserholen schickt. Im Geist sieht Benedikt das Unglück und schickt Maurus los, um ihn zu retten. Maurus geht auf dem See, als sei er festes Land, und zieht den Knaben aus dem Wasser. Als Maurus dies voll Erstaunen Benedikt erzählt, sagt dieser: "Das ist nicht mein Verdienst, sondern der Lohn deines Gehorsams!"
Ein Priester namens Florentius versucht, Benedikt durch ein vergiftetes Brot zu töten. Als ihm dies nicht gelingt, denkt er nach, wie er die Seelen der Jünger Benedikts verderben könnte. Er sendet 7 nackte Mädchen in den Klostergarten, die sollen vor den Mönchen tanzen und singen. Benedikt sieht dies alles; er will dem Hass des Florentius aber nicht offen entgegentreten, so nimmt er seine Brüder mit sich und verlässt das Kloster.
Als sich Florentius, der auf dem Söller des Bauwerks steht, über seinen Sieg freut, fällt der Söller in sich zusammen und tötet Florentius. Maurus läuft zu Benedikt und ruft ihm erfreut zu: "Kehre wieder um in dein Kloster, denn der dich verfolgte, ist tot." Als Benedikt das hört, seufzt er tief, dass sein Feind umgekommen war und dass sich Maurus darüber freut. Und er setzt Maurus eine schwere Buße, weil er ihm die Botschaft vom Tod seines Feindes allzu fröhlich gebracht hatte.
(Aus: Legenda Aurea. Aus dem Lat. von Richard Benz, Heidelberg 1975 sowie: Hümmeler, Hans; Helden und Heilige, Siegburg 1954)

San Mauro und San Morello

Der Legende nach ist San Mauro im Alter nach San Morello gekommen. Das "Herz" von San Morello schlägt deshalb unterhalb des Ortes. Wenn man, von unten kommend, die Straße vor der letzten Steigung zum Ort nach rechts abwärts verlässt, kommt man auf einen Weg, der nach etwa 40 m auf eine offene Stallung mit Tieren zuführt. Der kleine Weg geht nach rechts weiter steil in Serpentinen abwärts und führt nach etwa 300 m zur Quelle von S. Mauro. Die Quelle befindet sich oberhalb des Weges an einer Felswand, die mit grünem Efeu bewachsen ist. Das "Wunder" dieser Quelle von S. Mauro ist, dass sie nur aus Wassertropfen gespeist wird, die aus dem überhängenden Felsen herab tropfen. Diese Tropfen ergießen sich in ein kleines Becken mit kristallklarem Wasser. Diesem Wasser wird - wenn es getrunken wird - eine heilsame Wirkung zugesprochen. S. Mauro hat der Legende nach von diesem Wasser getrunken und hier als Einsiedler gelebt. Verehrt wurde er über Jahrhunderte in dem anschließenden kleinen Kirchlein, das seit wenigen Jahrzehnten am Verfallen ist. Die älteren Leute erinnern sich mit großer Wehmut an die Prozessionen am Fest des hl. Maurus, wenn die Statue des Heiligen auf dem schmalen steilen Weg in diese Kapelle gebracht wurde und nach einer Woche wieder zurückgetragen wurde in die Pfarrkirche im Ort. An dieser idyllischen Stelle wurde dann auch das Fest des Heiligen entsprechend gefeiert.
Neben dem Kirchlein befindet sich der alte Friedhof, der seit ca 1970 nicht mehr belegt wird. Für das Ende des Kirchleins San Mauro gibt es mehrere Ursachen. Die eine Ursache ist die Migration. In wenigen Jahren war die Generation der 20 - 50jährigen Dorfbewohner praktisch vollkommen emigriert, um im europäischen Ausland zu arbeiten. Zurück blieben die Alten und die Kinder. Sie hatten nicht die Kraft, das gesamte soziale Leben des Ortes aufrechtzuerhalten. Dann war das religiöse Leben des Ortes jahrzehntelang mit der Person eines Priesters verbunden, genannt "il padrino". Er hatte praktisch alle Leute, die vor 1960 geboren waren getauft. Heute hat San Morello keinen eigenen Priester mehr. Schließlich hat die Verlegung des Friedhofs wohl mit bewirkt, dass S. Mauro nicht mehr als Anlage und als Kirche gepflegt wurde. Ein neuer Zufahrtsweg erschließt den einst abgelegenen mystischen Ort.
Noch heute ist San Mauro und der alte Friedhof ein beliebter Ort für Spaziergänge, wo die Alten den Enkeln die Geschichten und Legenden aus früheren Zeiten weitersagen.

Begräbnisse in S. Morello

Ursprünglich waren alle Verstorbenen in der Pfarrkirche beerdigt. Dahinter stand die Hoffnung, dass man bei der Vollendung der Welt und der Auferstehung der Toten in der Kirche Christus am Nächsten sei. Es gab eine große Grube unter der Kirche. Wurde jemand beerdigt, so öffnete man eine eiserne Falltür und ließ den Leichnam in das gemeinsame Grab hinabgleiten. Es kam vor, dass Spitzbuben heimlich in die Grabkammer gingen, um den Schmuck der Toten zu holen.
Die Cholera-Epedemien des 18. und 19. Jahrhunderts führten dazu, dass man die Bestattung nach außerhalb der Orte verlegte. So wurden die Toten in S. Morello den steilen Weg vom Ort zum Friedhof bei San Mauro auf Schultern hinuntergetragen.

"Auf dem Friedhof von S. Morello, der ein wenig abseits vom Dorf liegt, führt ein abschüssiger Weg, voller Löcher und Unebenheiten, unter einem überhängenden Felsvorsprung verlaufend. Mit der Totenbahre auf den Schultern bis hin zur letzten Ruhestätte mussten die acht Träger sich geschickt erweisen, um den hinderlichen Wurzeln auf dem Weg auszuweichen. In der ungemütlichen Jahreszeit gab es größte Schwierigkeiten; bei gefährlichen Rutschpartien fielen die Tragenden auf den Rücken und die Toten kamen vorzeitig der Erde näher." (Tam Tam in Calabria)
Die Grabkammer unter der Pfarrkirche führte in neuerer Zeit zu Senkungen in der Kirche. Man musste deshalb aufwändige Sanierungsmaßnahmen vornehmen.

Rachele Coppola
Einen wichtigen Teil der Ortsgeschichte der letzten 50 Jahre verkörpert die frühere Lehrerin Rachele Coppola. Als erstes Mädchen weit und breit durfte sie - zusammen mit 4 Jungen aus den umliegenden Orten - studieren (was wegen der Finanzen damals nur Kindern aus wenigen Familien möglich war). Zu Fuß, mit dem Gepäck auf dem Kopf, durch den Fluss S. Leo hindurch, musste man bis zum Meer gehen, um die Bahnlinie zu erreichen. Frau Coppola erinnert sich, wie der Fluss einmal Hochwasser führte und Frau Flotta sie auf den Schultern durch den Fluss getragen hat.

Im Lehrerinnenseminar der Canossianerinnen-Schwestern in Cosenza kam in Rachele der Wunsch auf, sich den Schwestern anzuschließen und in die Missionen zu gehen. Darauf sagten ihr die Schwestern:
Deine Mission ist hier, daheim in deinem Ort! Und so wurde sie Lehrerin in S. Morello. Ihr Mann betreibt eine Ölmühle.
Die Schule wurde 1996 vollständig geschlossen. Die Kinder werden heute vom Schulbus abgeholt. Heute ist das Anliegen von Rachele Coppola, das Leben zusammen mit den anderen verbliebenen Einwohnern zu teilen und zu gestalten.

Frau Flotta mit Rachele Coppola
Frau Flotta mit Rachele Coppola

Die Auferstehung des Hahns

Zum Fest von San Mauro wurde und wird allerlei gespendet. Insgesamt kommen aus dem Ort und von auswärts Spenden im Wert von ca 15000 EUR zusammen- Auch Tiere werden gespendet, die dann geschlachtet und zubereitet werden.
So erzählt Rachele Coppola vom neuesten Wunder von S. Mauro. Zum letzten Fest wollte ihre Familie einen schönen Hahn stiften. Jemand holte ihn aus dem Hühnerhof und sagte zu ihm nebenbei: Armer Hahn, musst du sterben für das Fest von S. Mauro! Schlagartig verstummte das Tier, der Atem blieb ihm weg und es war tot. Etwas verwundert über den plötzlichen Tod des Hahns legte man ihn dann in die Garage. Am nächsten Tag wurde er herausgeholt und in Wasser gelegt, um ihn zu waschen und dann zu rupfen. Doch im Wasser geschah das Wunder: Der Hahn bewegte sich, und am nächsten Morgen um 5 Uhr krähte er aus vollem Hals.


Franco Scillone:
Tam Tam in Calabria

Eine Handvoll Häuser auf einem Lehmhügel
Ein Häuflein Individuen und eine Fundgrube an Bedürftigkeit
Ein Brunnen voll Geduld
Eine Quelle der Entbehrungen
Ein Strudel von Träumen
Ein Bazar der Hoffnungen
Eine Wüste der Zivilisation. Das ist San Morello!
Eine Krume Kalabriens
Ein Anhängsel von Scala Coeli, in der Provinz Cosenza.
Und Scala Coeli, die "Treppe zum Himmel", wäre ja vorstellbar als ein Vorspiel zu faszinierenden Orten, heiter wie der Sonnenaufgang. Das Dorf Scala Coeli allerdings ... welche Ironie gewisser Namen!
San Morello ist vergleichbar dem arabischen Phönix: Es gäbe jemand, der sagt, dort gäbe es ...
Dass es existiert, das posaunen die Herren Kandidaten fürs Parlament hinaus; doch niemand der ehrenwerten Herrn erinnert sich später an seine Wahlversprechen, denn - so ist es immer - das Fest ist gefeiert und San Morello wieder einmal betrogen. Dass es existiert, ist auch den Steuerbehörden offenkundig. Doch wo es liegt, dass weiß nicht einmal die Regierung, welche die Steuern auferlegt.

So beginnt der Journalist Franco Scillone sein Büchlein "Tam Tam in Calabria",
eine Liebeserklärung und eine Anklage zugleich über einen vergessenen Fleck Erde in einer damals unbekannten Ecke Süditaliens.
Es erschien zuerst im Jahr 1963, und es ist kaum zu glauben, was Scillone da erlebt, als er San Morello besucht. Die Fotos zeigen Frauen, die in Holzfässern das Trinkwasser aus dem Tal holen; es gibt keine Schule und keinen Kindergarten, aus allen Ecken schreit Armut. Viele Familien aus San Morello haben zu dieser Zeit bereits auf eine andere Zukunft gesetzt:
Sie sind in großer Zahl vor allem Richtung Deutschland emigriert. Ohne die arbeitsfähigen Männer erschien nun das Dorf noch trost- und hilfloser, waren die Möglichkeiten der Entwicklung durch die sinkende Einwohnerzahl erst recht begrenzt. Das Buch hat damals viel Aufsehen erregt; ein Minister kam, um sich die Lage persönlich anzuschauen. Es reiht sich ein in Schilderungen von Journalisten, welche in der italienischen Öffentlichkeit die soziale Frage im Süden Italiens bekannt machten, häufig - wie auch bei Franco Scillone - christlich motiviert, oder aber sozialistisch, oder beides zusammen. In der Literatur sind als Beispiele zu nennen "Pane e Vino" von Ignazio Silone (spielt in den Abbruzzen) und "Christus kam nur bis Eboli" von Carlo Levi (Basilikata).

Manches in San Morello hat sich zum Besseren verändert, doch für viele Familien wurde das Land der Emigration zur neuen Heimat. Die von den Emigranten neu gebauten Häuser unterhalb des alten Ortes dienen oft nur als Feriendomizil. Kindergarten und Schule wurden wieder geschlossen - mangels Nachwuchs, außerdem gibt es ja heute Schulbusse.
Immerhin: Es gibt eine Apotheke, es gibt Bars und im Sommer sogar eine Pizzeria. Aber noch fehlt für San Morello der Zündfunke für eine hoffnungsvolle Zukunft. Dabei wären touristische Projekte denkbar, die San Morello mit San Leo zusammen erschließen für ein größeres Publikum.

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Die Titelseite der Neuauflage (2004, edizioni Prometeo, Castrovillari),
mit einem Foto des langjährigen Pfarrers Don Peppino, den Scillone in ebensolcher Armut antrifft wie seine Herde.
"Der Papst in Rom weiß nicht, wie es uns geht"
(Don Peppino)

(Foto: Giuliano di Cola)

(Auf "Tam Tam in Calabria" hat mich Familie Amodeo/Kernen aufmerksam gemacht.)

Eine spannende Reportage über San Morello, verfasst 2014 in italienischer Sprache von Assunta Scorpiniti, Autorin, Journalistin und Lehrerin