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LOCRI

Tagebuch:
Freitag 31. Juli 2009

Pünktlich um 8.36 hält der Nachtzug in Locri. Steigt man in Locri aus dem Zug, so fallen einem die nagelneuen Fußgänger- und Rollstuhlrampen auf, auf denen man unterirdisch zu den Gleisen gelangt. Auf dem Bahnhofsvorplatz herrscht geschäftiges Treiben. Es werden Stände aufgebaut für den Markt am Patronatsfest, das bevorsteht. Zu meinem Quartier ist etwa ein Kilometer zu Fuß zu gehen; das „Gnura Momma“ B&B liegt etwa 500 m vom Strand entfernt. Ein freundlicher gepflegter Garten empfängt mich, und nach einem erfrischenden Glas Orangensaft erhalte ich mein Appartement. Seit 7 Jahren existiert das „Gnura Momma“. Zwei Straßen höher ist Krämermarkt, ich schlendere Richtung Stadtmitte. Nahe dem Rathaus und dem Gefallenendenkmal lädt ein gepflegter Park mit Fischteich und Springbrunnen zum Ausruhen ein. Nach einigem Suchen vorbei an der Markthalle und dem Gemüsemarkt finde ich die Kathedrale, eine nicht allzu große Kirche, eher unauffällig, in der Nähe der Bischofssitz inkl. Wohnung des Bischofs und Verwaltung.
Neben einem Palazzo mit anthroposophisch geprägter Kulturarbeit findet sich noch ein städtisches Kunstmuseum mit wechselnden Ausstellungen. Gleich vom Bahnhofsvorplatz links um die Ecke hat das Pro Loco, also der örtliche Verkehrs- und Tourismusverein, seinen Sitz. Es gibt einiges an Material; und die Mitarbeiterinnen versuchen, so gut es geht, weiterzuhelfen. So findet sich hier immerhin die Telefonnummer des Busunternehmers Pelle, der (vor allem Gruppen) von San Luca nach Polsi fährt. Ich erkundige mich, wie ich am Samstag nach Polsi komme. Pelle nimmt mich nicht mit, aber mit dem Zug komme ich bis Bovalino, dort mit dem Mediterranea Bus bis nach San Luca.

 

 

 

Spezial:

ASPROMONTE
- LOCRI
- SAN LUCA
- SANTUARIO MADONNA DI POLSI
- GERACE

 

 

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Die Skulptur einer altgriechischen Dichterin am Hafen von Locri

 

 

 




   

Der Bahnhof von Locri mit der supermodernen
überdachten Rampe als Bahnunterführung

Das Rathaus mit dem Gefallenendenkmal in Locri

 

 

Eher zufällig stoße ich auf den Gedenkstein für Francesco Fortugno, den Präsidenten des kalabresischen Regionalparlaments, einem Landtagspräsidenten vergleichbar. Er wurde in Locri im Oktober 2005 ermordet. Inzwischen - so berichten die aktuellen Zeitungen - ist geklärt, dass es um politische Machtspiele im Wahlkreis Locri ging. Ein konkurrierender Kandidat hat Fortugno's Kandidatur als Einmischung in seine Geschäfte empfunden und den Konkurrenten aus dem Weg räumen lassen. Das Attentat führte immerhin zur Gründung der "Jugendlichen von Locri", gegenwärtig eine der aktivsten Bewegungen gegen die N'drangheta und ihre Netzwerke.


Das Denkmal für Francesco Fortugno,
den ermordeten Präsidenten der Regionalversammlung
vor dem Justizgebäude in Locri

 

Busfahrt zu den Terme Antonimiana Bagni
ab Locri: 8,00 10,30 13,30 und
ca 17,00
Rückfahrt um 11,00 und zwischen 15,00 und 17,00 mehrere Male

Im Sommer Bus zu den Ausgrabungen des antiken Locri: dienstags und donnerstags um 9.15 Uhr ab Bahnhofsvorplatz, nach ca 3 Stunden wieder zurück (Veranstalter: Pro Loco)

Busfahrplan für den Süden Kalabriens
(Mediterraneabus: Locr, Gerace, Bovalino,
San Luca usw.)

 
     


In der heißen Mittagszeit nehme ich ein kurzes Bad im Meer, am schön angelegten Lungomare, tauche unter der Hitze weg bei Harry Potter im klimatisierten Kino von Locri und bummle dann abends über den Jahrmarkt zwischen Bahnhof und Lungomare.

 
 

Von Gerace Marina zu Locri

Wenn man heute am Bahnhof Locri aussteigt, der sich in unmittelbarer Nähe des Lungomare befindet, dann ist man in einem relativ jungen Ort angelangt. Denn die Ruinen der antiken Stadt Locroi finden sich zwei Kilometer südlich der heutigen Stadt.
Die heutige Stadt Locri entstand zur Zeit des Bahnbaus als Gerace Marina. Denn Gerace ist die alte Bischofsstadt seit mindestens dem 8. Jahrhundert n. Chr. mit dem Dom von 1045 und anderen sehenwerten Kirchen. Gerace liegt ca 7 km landeinwärts auf einem weithin sichtbaren Felsplateau mit verschiedenen Höhenniveaus, auf denen sich die Stadt entwickelt hat. Die Küstenebene war jahrhundertelang unbewohnt wegen der Angriffe vom Meer her und wegen der Malaria. Erst durch den Bahnbau 1870 und dann später (unter Mussolini ...) durch die Trockenlegung der sumpfigen Küstenebene war die Entstehung der Stadt am Meer möglich geworden. Zur Stadt wurde Gerace Marina im Jahr 1905 erhoben. Im Jahr 1934 erfolgte die Umbenennung in Locri.

 

Ein wichtiger Wendepunkt war der Umzug des Bischofs von Gerace nach Locri um das Jahr 1959. Als bekannt wurde, dass Bischof ... im Jahr ... die Idee hatte, aus dem mittelalterlichen Gerace in die Stadt an der Küste umzusiedeln, da gab es einen Aufruhr in Gerace. Der Bischof geriet schließlich derart unter Druck, dass er mit der Hand auf dem Madonnenbild von Gerace versprach, in Gerace zu bleiben. Der Umzug kam dann trotzdem, irgendwann war der Bischof fort - zur tiefen Verbitterung der Leute von Gerace. In der Neuzeit gab es dann eine teilweise Versöhnung: Gerace und Locri sind die beiden Bischofskirchen, doch der Sitz des Bischofs ist bis heute Locri am Meer.
 

Tagebuch: Samstag 1. August 2009 in Locri

Begegnung mit Mos. Giuseppe Fiorentini Morosini
Heute morgen habe ich um 8,30 Uhr einen Termin beim Bischof von Locri. Wir kennen uns durch eine Begegnung in Paola, als ich das Buch über Franz von Paola erstellt habe und dabei viel mit dem Schwager des Bischofs, Michele Bartelli zusammengearbeitet habe,. Außerdem habe ich einige der Bücher des Bischofs verwendet.

Giuseppe Fiorini Morosini ist nämlich Paulanermönch, hat den Orden über einige Jahre geleitet und etliche Bücher über den Ordensgründer der Paulanerbrüder - und schwestern geschrieben. Im Amtszimmer bringt der Sekretär, Don Giuseppe, den obligatorischen caffè (Espresso).
Der Eindruck, dass der Bischof mit seinen Wurzeln im Orden des in Kalabrien sehr verehrten Franziskus von Paola von den Leuten gut angenommen wird, bestätigt sich. Vor einem Jahr trat er die Nachfolge von Carlo Maria Bregantini an, der sich sehr für die Gründung von Kooperativen zur Behebung der Arbeitslosigkeit engagiert hat und sich deutlich gegen das organisierte Verbrechen gewandt hatte. Bilder erinnern an seine Ordenszugehörigkeit als Paulanerbruder, immer wieder Franz von Paola sowie Geschenke zu seiner Amtseinführung. Sein Bischofswappen zeigt das Leitmotiv seines Ordensgründers "Charitas", weiterhin sind darauf die Hände des Franz von Paola mit den glühenden Kohlen darauf zu sehen. Es erinnert an die Sterbestunde des Heiligen, als er seinen Brüdern damit sagen wollte: Für den, der liebt, ist alles möglich.

 

 

 

 

 

Bei Mons.
Giuseppe Fiorini Morosini,
Bischof von Locri

 

 

 

 

Die Kathedrale in Locri

 

 

 

 

 

 

 

 

Das geplante Gemeindezentrum

 

Mons. Giuseppe Fiorini Morosini fühlt sich wohl in Locri-Gerace; er kennt die Mentalität, steht aber auch hinter den Initiativen seines Vorgängers. Seine Diözese umfasst 120.000 Gäubige.
Er beklagt, dass es wenig Investitionen in den armen Süden Italiens gebe. Was Kalabrien insgesamt betrifft, beklagt er das Fehlen einer Vision, einer wirklichen Perspektive, statt dessen gäbe es viele Aktionen als Eintagsfliegen.
Er fragt sich, warum ein Land mit einer derart schönen und unendlich langen Küste nur ein paar Tage im Jahr Saison hat.
Neben der Kathedrale, so erzählt er, wird ein großzügig bemessenes Gemeindezentrum gebaut, das vor allem die Jugend- und Familienarbeit in der Stadt bündeln soll. Es wurde mit den Mitteln bezahlt, welche die katholische Kirche aus dem „Otto per Mille“, also der italienischen Kultursteuer, erhält. Der eigene Etat der Diözese für solche Dinge beträgt gerade mal 60.000 Euro.
Am folgenden Montag wird er mit einigen Seminaristen nach Polsi fahren, dessen Wallfahrtspfarrer, Don Pino Strangio, er sehr schätzt. Polsi soll immer mehr spirituelles Zentrum der Gegend werden.



 

 

Sagen und Legenden aus dem antiken Locri

Unter dem verheißungsvollen Titel "Die Königin mit den drei Brüsten" hat Julia Jäger im Verlag Rubbetino im Jahr 2000 eine Sammlung von lokalen Legenden und Sagen aus ganz Kalabrien herausgegeben, eine Interpretation und Übersetzung eines Buches von Giulio Palange, ein Standardwerk für alle Kalabrienliebhaber, die mehr als zwei Orte besuchen. Zu (fast) jedem Ort gibt es etwas zu erzählen; und Julia Jäger tut dies auf eine sehr unterhaltsame Art.

Locri weist beispielsweise einige Erzählungen aus der griechisch-antiken Periode auf:

Die Matriarchinnen

Hier erzählt Julia Jäger, wie im siebten vorchristlichen Jahrhundert Frauen in Griechenland Entzugserscheinungen hatten, weil ihre Männer ständig im Krieg waren. Im griechischen Locride beispielsweise emigrierten die Frauen, nahmen ihre männlichen Sklaven mit und landeten am Berg Zefirio an der ionischen Küste Kalabriens, um dort Locri Epizefiria zu gründe. Die Herrinnen blieben auch in der neuen Heimat die Chefinnen, so könnte sich das Matriarchat erklären, das in Locri in der Antike herrschte.

Eunomo, der Auserwählte

Eine nette Geschichte erzählt von einem Musikerwettstreit zwischen Eunomo aus Locri und Aristone aus Reggio. Beide glaubten, vom Gott Apollon unterstützt zu werden: "Aristone, weil er aus Reggio stammte, der Stadt, die zum Ruhm dieses Gottes entstanden war, Eunomo dagegen, weil die Zikaden, die Apollon besonders liebte, im Gebiet von Reggio stumm waren, während sie aber in Locri nach wie vor fröhlich zirpten." Der Wettbewerb gegann, beide gaben ihr Bestes. Da riss mitten im letzten Stück eine Saite von Eunomo's Leier. "Im selben Moment setzte sich eine Zikade auf sein Instrument und beendete das Stück mit ihrem lieblichen Zirpen. Die Wettbewerbsrichter deuteten dies als Zeichen des Wohlwollens von Seiten des Apollon für den Musiker aus Locri und gewährten ihm den Primat."

Du wolltest es so, das hast du jetzt davon!

In Zeiten der Anarchie und des Lasters suchten die Leute von Locri jemand, der für Ordnung sorgen konnte. Zaleuco war ein begnadeter Gesetzgeber, der eng im Kontakt mit der Göttin Athene stand. So entstand das erste Gesetzbuch Europas. Es war ein überaus strenges Gesetz, und ebenso streng wurde darauf geachtet, dass es nicht verändert werden sollte.

"Aber wie so oft wenden sich die Gesetze gegen den, der sie aufgestellt hat. Der Sohn des Zaleuco beging Ehebruch, was nach dem Gesetz mit Erblindung bestraft wurde. Als nun die Locreser voller Erwartung auf den unnachgiebigen Gesetzgeber lauerten und die genaue Einhaltung der Gesetze forderten, löste er die Situation und seine innere Zerrissenheit zwischen Strenge und väterlicher Liebe, indem er ein Auge seinem Sohn ausriss und eines sich selbst."

(Giulio Palange: Die Königin mit den drei Brüsten
Wegweiser ins magische und legendäre Kalabrien
interpretiert und übersetzt von Julia Jäger
Rubbettino / Meridianosedici
Soveria Mannelli 2000)