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MADONNA
DI POLSI

 

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Blick vom Bahnsteig in Bovalino aufs Meer

Das Busunternehmen Autolinee Pelle in S. Luca fährt vor allem Gruppen nach Polsi. Bei freuen Plätzen kann man auch als Einzelbesucher Glück haben. Tel. 0964/985293

   
Wallfahrtsort Madonna di Polsi im Aspromonte

 

Tagebuch: Samstag 1. August 2009
Unterwegs nach Polsi

Mit dem Zug nach Bovalino kostet €1,80, immer am Meer entlang. Um 10.30 Uhr startet dann vom Bahnhofsvorplatz der Mediterranea-Bus nach
S. Luca. Dorthin gelangt der Bus über die Hügel des Vorgebirges und schließlich durch ein weites trockenes Flusstal aufwärts, an dessen rechter Flanke von unten gesehen San Luca am Hang liegt, eher unspektakulär, mit vielen neuen mehrstöckigen Häusern. Bedeutsam ist, dass der vielleicht berühmteste Dichter Kalabriens, Corrado Alvaro, in San Luca geboren ist. Wie kaum ein anderer hat er das Leben der Kalabresen zu seiner Zeit eingefangen in seinem Roman "Gente di Aspromonte", in deutscher Übersetzung erschienen als "Die Hirten vom Aspromonte", momentan nur noch in teuren Liebhaberausgaben zu haben bei Amazon. Von der Endhaltestelle gehe ich durch das Dorf aufwärts am alten Friedhof vorbei, immer höher, einige Kilometer weit, bis zu den Felsen Pietra Cappa und Pietra Lunga. Ein Landrover mit drei Uniformierten hält an und fragt, wohin ich wollte. Als sie mir erklären, wie weit es noch bis Polsi wäre, nehme ich ihr Angebot an und fahre mit bis zum Casello Vocale, einer Forsthütte mit reichlich guten, aber eisigkalten Wasserquellen. Alle drei Polizisten stammen aus Sizilien, haben ihre Dienststelle in San Luca und wohnen mit ihren Familien in den Orten der Umgebung. Sie freuen sich, dass durch den Regen im Juni sich die Waldbrände bisher in Grenzen halten.

Am Casello Vocale ist Familienfest. Die Polizisten lehnen dankend die von der Festgesellschaft angebotene Wassermelone ab und fahren weiter, ich dagegen nehme dankend an und sitze neben Opa und Oma und freue mich an der Verwandtschaft, die sich hier vergnügt. Nach einem ordentlichen Essen befinden sie sich gerade beim Nachtisch. "Wir kommen aus Duisburg, wie die meisten in San Luca." Per Zufall habe ich Antono Pelle, Gastronom in Duisburg, getroffen. Er ist gerade daheim in S. Luca und macht hier Urlaub vor allem mit seinen Eltern. Er erzählt mir, wie er nach den Ereignissen in Duisburg (6 Tote) wochenlang verdächtigt und überwacht und von alten Freunden im Stich gelassen wurde, nur weil es eine Namensgleichheit gab (einer der bei der Schießerei beteiligten Clans hieß Pelle - Strangio). "In San Luca heißen aber alle Pelle oder Strangio". In dem Buch "Geboren in San Luca" macht er seinem Ärger über die Kriminalisierung Kalabriens durch die Medien Luft. Dieser Ärger ist bei vielen Kalabresen zu spüren, die sich zu Unrecht ständig mit der Mafia in Verbindung gebracht sehen. Am Bahnhofsvorplatz von Bovalino fährt Mediterraneabus
nach San Luca ab (normalerweise täglich außer So
um 7.30 und um 10.30 Uhr, Fahrtzeit ca 30 Minuten)
 
San Luca ist der Heimatort des Schriftstellers und Journalisten Corrado Alvaro. Über sein literarisches Schaffen ein Überblick unter: http://www.contrasto.de/alvaro.htm
 

Nun muss ich nur noch eine Stunde abwärts gehen, um Polsi zu erreichen, und schon bald sehe ich die Siedlung von oben. Kurz vor dem Wallfahrtsort überquere ich einen Bach. Ein paar Betonpfeiler künden von der Idee, eine Brücke zu bauen. An einer tieferen Stelle baden einige Familien, die sich später als Mitglieder einer Pilgergruppe aus Mammola herausstellen, die in 18 Stunden 70 Kilometer zu Fuß gegangen sind - am gleichen Tag. Von oben sieht Polsi aus wie drei langgezogene Ställe mit Blechdächern. Nähert man sich dann aber weiter an, so erkennt man eine interessante Ansammlung älterer Häuser, die Stück um Stück saniert werden.

Ich komme in Polsi an. Als erstes sehe ich eine improvisierte Bar, vor der zwei Männer sitzen. Ich gehe weiter und komme zur kleinen Wallfahrtskirche, deren Türen weit geöffnet sind. Als ich sie betrete, sitzt in den hinteren Bänken eine Frau mit einem etwa achtjährigen Kind auf dem Schoß und singt ihm leise ein altes Wallfahrtslied vor, das sie auswendig kennt. Das Kind hört aufmerksam zu.

 

 

 

 
 

Polsi, unten die Kioske, oben der Wallfahrtsbezirk

Die Wallfahrtskirche in Polsi

 
 

Mehrere junge Männer nehmen im vorderen Teil der Kirche Platz. Einer beginnt laut ebenfalls Wallfahrtslieder zu singen, einige in dem volkstümlichen Tonfall der Marienlieder von Polsi, aber auch ein paar moderne Marienlieder, die ich kenne. Die andern stimmen ein. Erst am nächsten Tag merke ich, dass dies die Chorprobe war für den Sonntagmorgen.

Durch den Seitenausgang der kleinen Kirche komme ich in ein Atrium mit blumengeschmückten Balkonen auf mehreren Stockwerken, alles neu renoviert. Ein Jugendlicher weist mich nach oben, als ich nach dem Wallfahrtspfarrer, Don Pino Strangio, frage.

Im ersten Stock entdecke ich eine ganze Wand voll behängt mit Brautkleidern – sicher Kleider, die hier bei Trauungen getragen und dann der Madonna gestiftet wurden. Im obersten Geschoss geht von dem Balkon eine offenstehende Tür ab. Ich sehe zwei Räume, die als Büro und Aktionsraum möbliert sind. Mehrere freiwillige Jugendliche sitzen vor dem Computer oder erledigen irgendwelche Dinge. Von ihnen erfahre ich, dass Don Pino bald kommen wird. Zwischenzeitlich beobachte ich den Elektriker Salvatore und einen der Freiwilligen, als sie ein Transparent am Eingang des Wallfahrtsbereiches anbringen. Darauf wird von Polsi als dem „Herz des Aspromonte“ gesprochen, Worte, die ich sehr treffend finde und welche die neue Rolle des Ortes sehr gut zum Ausdruck bringen:
"Santuario di Polsi - Herz des Aspromonte und Symbol der Rehabilitierung (riscatto) und der Wiedergeburt des Aspromonte".
Einige Zeit später treffe ich Don Pino tatsächlich an, richte ihm diverse Grüße aus. Er lädt mich ein, über Nacht zu bleiben. Einer der Freiwilligen bringt mich zu meinem Zimmer.
Zum Abendessen trifft man sich im Refektorium. Hier speist die Stammmannschaft: Die Priester, die Freiwilligen, alle, die mitarbeiten. Die Pilger essen in der Pilgerherberge, einem riesigen Speisesaal. Der Tisch steht in einem großen „U“; am oberen Ende sitzen die Priester, und ich sitze bei Don Vito, dem zweiten Priester. Gemälde an der Wand handeln von der Geschichte des Wallfahrtsortes; ein Gemälde zeigt eine Abendmahlsszene, wohl mit Köpfen von Persönlichkeiten aus dem kirchlichen Leben der Umgebung. Es gibt Huhn mit Kartoffeln, dazu Oliven und Paprika, alles einfach herzhaft und gut. Don Pino eröffnet das Essen mit einem Tischgebet. Nach dem Essen sitzen wir draußen auf einer Art Terrasse, auch die Pilger aus Mammola kommen dazu. Wir werden Zeugen, wie Salvatore, etwa 12 Jhre alt und italienischer Jugendmeister im Pizzawerfen, uns eine Vorstellung gibt. Mit einem Pizzateig-ähnlichen Lappen wirbelt er durch die Luft, im Stehen, im Liegen, durch die Beine durch, hochwerfen und wieder auffangen, einfach fantastisch. Er befindet sich sozusagen im Trainingslager, denn in der kommenden Woche reist er mit einer Delegation zu einer Werbeaktion nach Berlin. Im Convento ziehe ich mich in mein einfaches Zimmer, immerhin mit Dusche und Klo, zurück.

 

 

 

 

 

Wandgemälde im Refektorium
(Speisesaal)

   
Brautkleider im Innenhof des Konventsgebäudes
 
 

 

Wallfahrtsbild
im Refektorium

 

 

 

 

 

 

 

 
Santuario Madonna di Polsi -
Das Herz des Aspromonte

Zur Entstehung des
Santuario Madonna di Polsi

Am Anfang war Polsi bewohnt von italienisch-griechischen Mönchen, später bewohnten dann Eremiten das Santuario.
Die Verehrung eines eisernen griechischen Kreuzes gab es wohl schon vor der Verehrung der „Madonna della Montagna“.
Es wird erzählt, der Normanne Roger hätte auf der Jagd sein Gefolge ausruhen lassen wollen. Da sieht er an der Stelle Polsi einen jungen Stier, der vor einem byzantinischen Kreuz kniet, das er mit den Hörnern aus dem Boden ausgegraben hat. Er ruft den Abt von Potamia, der das Kreuz nimmt und es ins Kloster S. Salvatore bringt, bis am Ort selbst eine Kirche gebaut war.
Plausibler erscheint, dass ein Hirt aus S. Cristina namens Italiano auf der Suche nach einem Jungstier den Aspromonte durchstreifte. Er fand ihn nach drei Tagen an der Stelle von Polsi vor einem Eisenkreuz kniend. Gleichzeitig erschien ihm die Madonna, und von da an war der Ort geheiligt.

Der Name "Polsi", früher "Poupsis"bezeichnet einen hervorgehobenen Ort oder bedeutet: Hervorhebung, Erhöhung. Sants Maria di Polsi würde also bedeutet: Maria von der Kreuzerhöhung.
Nach der Auffindung des Kreuzes wurde eine kleine byzantinische Kirche erbaut samt einem kleinen Konvent, wo eine kleine Gemeinschaft von basilianischen Mönchen Heimat fand. Die Mönche hatten u.a. die Kastanie eingeführt.

Als am 1. November 1457 Bischof Atanasio Calkeopulos zu Besuch nach Polsi kam, bedeutete dies den Übergang vom griechischen Ritus der italienisch-griechischen Mönche zum lateinischen Ritus der römischen Kirche. Er trifft ein kleines basilianisches Kloster vollen spirituellen Lebens an mit den Brüdern Nicodemo, Atanasio, Teofilo, Neofito und Simeone unter der Führung ihres Abtes Gerasimo. Wenig später, im Jahr 1480 verließen die basilianischen Mönche den Ort und zogen in das bis heute bestehende Kloster des ostkirchlichen Ritus in Grottaferrata bei Rom.
Die Bischöfe von Gerace setzten danach Wallfahrtskapläne ein.

1560 kam auf geheimnisvolle Weise die Statue der Madonna auf einem von Ochsen gezogenen Karren nach Polsi, von da an wuchs die Verehrung immer mehr.

Im 17. Jahrhundert bildete sich eine kleine Eremitengemeinschaft, die sich nach San Paolo I Eremita nannte. Diese Gemeinschaft bestand bis in die erste Hälfte des 20. Jahrhunderts. Von da an gab es jeweils einen "rettore", einen Wallfahrtspfarrer in Posli.

Im Jahr 1881 wurde zum ersten Mal die Krönung der Madonnenstatue begangen, von da an alle 50 Jahre, bis
Bischof Bregantini vor wenigen Jahren die Marienkröningen alle 25 Jahre anordnete, damit jede Generation die Chance einer Teilnahme hätte.

   
 

Tagebuch: Sonntag 2. August 2009 in Polsi

Eine ungestörte vollkommene Ruhe zieht sich durch die ganze Nacht. Bis um 5 Uhr, denn dann läuten die (Lautsprecher-)Glocken mit dem Ave Maria-Lied den Sonntagmorgen ein. Irgendwann gegen acht Uhr nehme ich im Refektorium den Caffè (Espresso) aus der Kanne ein, zusammen mit ein paar Keksen zum Tunken, also wie üblich. Zwei, drei der Freiwilligen aus San Luca sind ebenfalls am Frühstücken.

Unten auf dem Platz an der Kirche kommen schon die ersten Pilger, man hört die Stimmen, und der erste Souvenirstand lässt dezent Musik plärren. Ich gehe hinunter zu den Verkaufsständen, die im Rund angeordnet sind. („Das war eine der ersten Aktionen, die Don Pino Strangio nach der Übernahme des Amtes unternommen hat: Die Stände, die direkt vor der Kirche waren, auf den Platz unten am Flüsschen zu verbannen.“)
Die Stände haben vor allem religiöse Artikel im Angebot, eben das, was die Oma gerne ihren Kindern und Enkeln mitbringen möchte, ein Segenswunsch, eine Statue, ein Bild fürs Schlafzimmer, ein Schutzengelbild für die Kinder, Padre Pio. Viele Gebetshilfen wie zum Beispiel Rosenkränze in allen Farben. Ein Stand bietet lange Kerzen an, die von einer Stange herunterhängen, über einen Meter lang und Körperteile aus Wachs als Dankenszeichen für erlangte Heilung oder Hilfe.
Zwei Stände mit Musik-CD’s bieten vor allem Folklore an, die Wallfahrtslieder des Ortes und viel Tarantella. Fast die Hälfte der CD’s enthält traditionelle Lieder der N’drangheta(Mafia in Kalabrien). Ich hatte gedacht, dass diese CD’s in Italien verboten sind, offensichtlich trifft dies aber nicht zu; sie scheinen ganz gut zu laufen.
Ein Stand verkauft Fleisch, Ziegenfleisch, wie es die Tradition des Ortes kennt. Nachdem das traditionelle Schlachten der Ziegen auf den Zugangswegen nach Polsi nicht mehr erwünscht bzw. vom Gesetz verboten ist (Augenzeugen vor 20 Jahren: „Das war ein richtiges Blutbad, wenn man zur Wallfahrt wollte, soviel Ziegen wurden da unterwegs geschlachtet.“), kann jeder also ganz legal und sauber seine Ziege beim Metzger erwerben.

Ein Händler baut am Weg zum Santuario seinen Blumenstand auf. Die Blumen sind sehr begehrt. Die Leute kaufen eine einzelne Blume für jeden und stecken sie dann in der Kirche vor dem Madonnenbild in eine bereitstehende Vase. Die Pilger sind inzwischen mehr geworden. „Die Messe fängt an, wenn die Leute da sind, dann läuten die Glocken.“ sagt Don Pino. Korrekt. Etwa halb zehn beginnt Don Vito mit der ersten Messe in der gut gefüllten Kirche. Die Leute, die noch Schlange stehen zum Maria-berühren und Blumen stecken werden gebeten, sich in die Bänke zurückzuziehen. Das irritiert zwei kleine Mädchen mit Cowboyhüten. Sie sind jetzt ganz durcheinander, denn sie können ihre Blumen nicht loswerden..

 
Don Pino Strangio beim Gottesdienst
in der Wallfahrtskirche
   
 
 
 

Eine Pilgergruppe aus Mammola ist innerhalb eines Tages 70 km zu Fuß nach Polsi gewandert. Sie stellen jetzt den Chor, der die Lieder anleitet. Man singt auswendig. Vor dem Gottesdienst wird aufgerufen, sich zu melden, wer einen Bibeltext oder ein Gebet vorlesen möchte. Es kommen mehr als genügend Leute, die dazu bereit sind.

Die Botschaft
Die ersten beiden Messen leitet Don Vito. Gebürtig aus Apulien, war er mehr als 20 Jahre als Missionar in Sierra Leone, das waren extrem schwierige Jahre während des grausamen Bürgerkrieges. Don Vito ist ein gütiger und einfühlsamer Mensch, der hier in Polsi eine zweimonatige Sabbatzeit verbringt, um sich neu zu orientieren.
Das Evangelium des Sonntags spricht von der Brotvermehrung. Ein dankbares Thema für Don Vito, der erzählt, wie sich in Sierra Leone mehrere Kinder ein Bonbon geteilt haben, weil Armut und Hunger tägliches Brot waren. Er vergisst auch nicht zu erwähnen, dass ja auch Kalabrien noch immer nicht zu den wohlhabenden Regionen Italiens zählt. Und er spricht von den Mülleimern in den Schulen, wo die Kinder ihr Pausenbrot werfen, weil ihnen den Brotbelag nicht schmeckt. Don Vito erwähnt auch die neue Sozialenzyklika Papst Benedikts, der die Reichen und Mächtigen zur Gerechtigkeit auffordert.
Don Vito nimmt den Hunger des Leibes sehr ernst, weil er weiß, wovon er spricht. Er weiß aber auch, dass der volle Bauch allein noch nicht alles Glück bringt. Das Glück liegt im Teilen nicht nur des Brotes, sondern in einer Gerechtigkeit für alle..
Das Evangelium spricht von einem Brot, das weiter reicht als die momentanen Bedürfnisse, das Kraft hat zu verwandeln. Gott vergisst sein Volk nicht, das ist die Botschaft dieses Evangeliums, und wer sein Brot empfängt, trägt ihn bei sich Tag für Tag.
Neben den Gottesdiensten her sind die Priester beschäftigt mit Beichthören, und die Gläubigen warten darauf in einer langen Schlange.

Die dritte Messe mit Don Pino, dem „rettore“ (Rektor) des Wallfahrtsortes, ist verbunden mit einer Taufe eines Kindes. Don Pino leitet die Liturgie mit routinierter, verbindlicher Geschäftigkeit. Er gilt als ein Mann, der handelt.

Don Pino Strangio
Don Pino ist der erste Rektor des Wallfahrtortes, der selber aus San Luca stammt. Leute aus dem Ort erzählen, wie er in seiner Jugend immer gerne dem damaligen Priester zur Hand gegangen ist, einen besonderen Hang zum Kirchenraum und zur Liturgie hatte. "Er war schon damals etwas besonders," sagen sie. "Während wir gespielt und Dummheiten gemacht haben, hat er dem Priester geholfen."
Seit 1998, als Don Pino das Amt des Wallfahrtspfarrers antrat, hat sich einiges verändert: Die zahlreichen Bauten, welche die Erdbeben der Jahrhunderte einigermaßen gut überstanden haben, werden nun eines nach dem anderen stilvoll hergerichtet. Don Pino gelingt es dabei, nicht nur die Häuser aufzubauen, sondern auch Menschen in Polsi zusammenzuführen. Seien es die Priester, die bei der Wallfahrt mithelfen und ihre eigenen Zimmer im Konventsgebäude haben, seien es die freiwilligen Jugendlichen (einer studiert Medizin in Reggio, ein anderer Jura in Messina), die ihre Ferien hier oben verbringen und mithelfen, wo immer notwendig, seien es die Erwachsenen, die von Kindheit an mit dem Ort verbunden sind. Einer von ihnen, Salvatore, der mich nach Bovalino zurückfährt, nicht ohne mir vorher den halben Aspromonte zu zeigen, ist als kleines Kind beim Opa aufgewachsen, und der war der Ziegenhirte des Santuario, also praktisch bei der Wallfahrt angestellt. Wenn er nicht ehrenamtlich im Santuario mithilft, dann lebt er bei seiner Frau (ebenfalls aus S. Luca) und den beiden Kindern, die in Reggio studieren, aber noch zu Hause wohnen. Sein großes Hobby ist der Garten, wo er jeden Tag von Sonnenaufgang bis zum Beginn seiner Berufstätigkeit arbeitet.

Zum Abschied will ich Don Pino eine Spende geben. "Beim nächsten Mal ..." wehrt er ab. Die jugendlichen Freiwilligen haben mir schon zuvor gesagt: "Dies hier ist das einzige Hotel in Italien, das nichts kostet!" Jugendliche könnten damit oft nicht klarkommen: "Wenn's nichts kostet, dann ist es nichts wert."

Ganz besondere Besucher hat Polsi jedes Jahr im Mai; dann kommen die Insassen des Jugendgefängnises von Reggio, um zu helfen und auszuspannen.

Edward Lear in San Luca und Polsi

Der englische Maler, Reisende und Schriftsteller der Nonsense-Literatur Edward Lear kommt im Sommer 1847 nach Kalabrien und besucht dabei auch San Luca und Polsi.
Meist ist Lear bei gutgestellten Familien im Ort angemeldet. Wo er unterkommt richtet er sich ein Atelier ein. Sein zeichnerisches Werk umfasst rund 10.000 Werke. Mit seiner Malerei dürfte er sich wohl auch bei den Gastgebern für ihre Großzügigkeit revangiert haben.
In San Luca ist Lear ist bei einer Familie Stranges angemeldet. Doch als er in San Luca ankommt, ist der Hausherr auswärts, am Meer, unterwegs. Nach der unendlich erscheinenden Reise im breiten Flussbett des Bonamico wird Lear von einem der Geschwister des Hausherrn empfangen.
„Ihr müsst euch begnügen mit dem, was ihr vorfindet! Hier gibt es keine Märkte, wir sind hier nicht in Neapel, dafür gibt es hier Berge von Maccheroni, Kürbis und Tomaten und gebratenem Hasen, und damit brauchen wir uns hier im Herzen Kalabriens nicht zu beklagen.“
Bei seinem Abschied will Lear dem bildhübschen Mädchen, das ihm beim Empfang Brot und Wein gereicht hatte, ein Geschenk machen, doch es ist nicht bereit, Geschenk oder Bezahlung annehmen.

Nun wendet sich Lear Richtung Polsi.
Drei Meilen folgen sie dem Fluss, ein Führer ging voraus. Die Felsen kommen ihnen immer näher, und die wie Türme emporragenden Felsformationen des Aspromonte scheinen sich über den Reisenden zu schließen, und ordentliche Exemplare von Steineichen hängen an den Felsen. Die Natur ringsum bewirkt bei Lear eine Stimmung von Einsamkeit und Geheimnis und lädt ihn ein zu betrachten und zu malen.


Nachts kommt Lear schließlich in Polsi an und wird vom Pater Superior und seinen wenigen Mitbrüdern empfangen In zwei Zellen wird übernachtet; die fensterlosen und mit Tüchern verhängten Öffnungen lassen ahnen, wie hart die monatelange Einsamkeit in den Wintermonaten sein dürfte. Auf dem Weg kommen die Reisenden an dem Kreuz vorbei, an dem die Pilger bei der Wallfahrt Anfang September ihre Gewehre vor Freude abschießen.
Über seinen Besuch in Polsi schreibt Lear:
„Ohne Zweifel ist Polsi einer der eindrücklichsten Orte, die ich gesehen habe ..., die Kirche ist pittoresk, doch nicht sehr alt, und zeugt von architektonischem Geschmack, ist hoch über einem Flüsschen gelegen, das von den Höhen des Aspromonte herabfließt. Sein höchster Gipfel - der Montalto - ist Dach und Krone der ganzen Landschaft. Auf der Höhe des Klosters kommen Bäume in den Blick, reich an wunderschönem Blattwerk, dazwischen grüne Lichtungen, und weiter unten zahlreiche Gruppen von (Ess)Kastanienbäumen, von schwarzen Steineichen, des weiteren dunkle Eichen, und über allem die Pinien. Der steil die Hänge abfallen ist atemberaubend, die bewachsenen Felsen links und rechts runden das Szenario ab wie die Kulissen eines Theaters, und kein anderes Gebäude ist weit und breit sichtbar. Der Zauber und und die Einsamkeit dieses Ortes sind wirklich vollkommen. Kein anderer Ort, sei er noch so versteckt, gibt einen Einblick in eine Landschaft mit einem solchen Kontrast, auch nicht die vielen italienischen Klöster und Einsiedeleien, die versteckt hoch oben auf einem Felsen, in einer verborgenen Ecke oder in einer weiten Ebene oder am Meer gelegen sind.
Hier schaut man ringsum nach oben und unten, und alles ist eingeschlossen durch Wald und Gebirge, keine Lücke, keine Abwechslung und Zerstreuung - es herrschen souverän die Einsamkeit und der Sinn des Sich-zurückziehens."

       
 
Salvatore und einer der Freiwilligen befestigen
ein Transparent: "Das Santuario von Polsi:
Symbolischer Ort des Wiederaufbaus und
der Wiedergeburt des Aspromonte"
 
Autor Thomas Raiser mit Don Pino Strangio
Hier gibt es legal geschlachtetes Ziegenfleisch.

"Einmal hat jemand behauptet, in diesem hohlen Baum
würden sich die Mafiosi treffen!" -
Die Ganzjahres-Krippe von Polsi
 
   
 

 

   

Die "Charta della Civilta del Aspromonte"

Im Jahr 2001 haben sich die Städte und Gemeinden des Aspromonte eine Art Grundgesetz gegeben, die „Charta della Civilta del Aspromonte“.
Darin sind als Forderungen enthalten:

- Gastfreundschaft
- Freundschaft und friedliches Zusammenleben
- Respekt vor dem Naturerbe des Aspromonte
- Legale Wege zur lokalen Entwicklung
- Verteidigung der Ehre des Aspromonte gegen den Vorwurf der Kriminalisierung
- Keine Bürgerschaft zweiter Klasse für den Süden Italiens
- Gemeinsame Anstrengungen der Ionischen Küste und der Tirrhenischen Küste.